Literatur scheint gegenüber anderen Medien immer auf höherem Bildungsstatus angesehen zu sein. Dabei war die Veröffentlichung von Büchern auch bald eine Industrie, die Kolportage oder der Groschenroman schnell die Nische für Andersartigkeit, seichte Unterhaltung oder einfach Schund geworden. Schon die frühen Versionen der von den Gebrüdern Grimm gesammelten Märchen waren eher für Erwachsene geeignete Schauergeschichten.
Als Jack Ketchum seinen Debütroman Off Season schrieb, war ihm bewußt, daß der Verlag ein Mitspracherecht haben würde und er auf Wunsch Teile umzuschreiben habe. Nicht vorbereitet war er auf lange und detaillierte Verhandlungen, wie er im Nachwort zur rekonstruierten Neuauflage seines Romans, die unter dem Titel Beutezeit erstmals den Weg in den deutschen Sprachraum gefunden hat, schreibt. Selbst hierbei handele es sich nur um eine zweite Version. Den ersten Entwurf habe er nach den Reaktionen wutentbrannt in den Müll geworfen. Dennoch habe bereits die gekürzte Fassung für Aufruhr gesorgt. Trotz guter Verkäufe habe er Läden beobachtet, die nach Abverkauf keine Nachbestellungen mehr tätigten.
So still man hier das unbequeme Werk loswerden wollte, hat es sich doch gehalten. Die Nachfrage zumindest ist mit dem steigenden Erfolg des Autoren geblieben. Damals war 1980 und die Welt hat sich sicher verändert. Im Wesentlichen ändert dies jedoch nichts daran, daß Ketchum mit Beutezeit eine detaillierte, grausame Darstellung verfasst hat. Mit dem zeitlichen Abstand aber läßt sich der Eindruck globaler bewerten.
Wie regelmässig auch bei Stephen King, welcher Jack Ketchum stets in höchsten Tönen zu loben scheint, geht es um ein Ereignis in Maine. Die kleine Küstenstadt Dead River liegt außerhalb der Ferienzeit brach. Eine New Yorker Lektorin hat sich für ihre Arbeit genau wegen der herrschenden Ruhe in einer Hütte eingemietet. Zu Besuch kommen ihre Schwester und ein paar Freunde. Womit diese nicht gerechnet haben, ist, daß in feinster Backwood-Manier eine inzestuöse Familie in einer Höhle haust, lauernd ihre kannibalischen Rituale zu feiern. Hier beginnt in Off Season sinnigerweise wirklich die Beutezeit.
Ketchum ist stets bemüht, seine Legende von einst verschwundenen Personen auf das Wesentliche zu begrenzen. Kaum Worte fallen über die offenbare Möglichkeit, sich in den wenig besiedelten Gebieten der USA über Jahre hinweg unauffälig zu halten, zumal ja regelmässig Opfer verschwinden müssen. In einer aufgeklärten Welt, welche immer ärmer an Mysterien scheint, sind diese Stories letzte Manifestationen in die Wirklichkeit übersetzbarer Albträume.
Bewußt an Filmen wie The Night of the Living Dead angelehnt ist Jack Ketchum mit Beutezeit sehr nah am Zahn der Zeit, wo ein junges Kino zunächst mit Backwood Geschichten zwischen Beim Sterben ist jeder der Erste, Blutgericht in Texas und Hügel der blutigen Augen auftrumpfte und findige Italiener schließlich aus einer Dschungelabenteuertradition garstige Kannibalenschocker machten, deren geschmackliche Verirrungen auf die Seiten dieser Lyrik destilliert scheinen.
Indiskutabel geht es dem Autoren um Schläge in die Magengrube seiner Leser. Bezeichnend ist dabei das Nachwort, in dem er seine Herausgeber wegen Detailzensuren kritisiert, die sich unter anderem darum drehen, ob ein abgetrenntes Geschlechtsteil ausgespuckt oder geschluckt werden dürfe. Tatsächlich bewegt sich ein großer Teil von Beutezeit auf einem Terrain voller eloquenter Umschreibungen ekelhafter Tätigkeiten. Seite um Seite scheint sich so der schmierige Verwesungsgeruch einer ungewaschenen, familieninternen Geburtenfabrik unter der Erde im Raum zu verbreiten.
Was definitiv noch da ist, sind die unterschiedlichen Reaktionen der Figuren auf diese Extremsituation. Ketchum bedient sich seiner Vorbilder auch um die Frage danach, wie Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung und Weltanschauung reagieren, wenn sie in die Enge getrieben um ihr Leben fechten. Nur leider geht dieser Punkt zu sehr in daher plump wirkenden Actionszenen unter.
Beutezeit wirkt mit seinen direkten und expliziten Worten wie eine Niederschrift eines Exploitationfilms. Jack Ketchum versucht dabei die Schockszenen auf seinen Seiten zu bündeln, so daß er dem Lichtbildmedium gegenüber mehr Greuel anbringen und ohne Limitierungen durch die Möglichkeiten und Kosten von Spezialeffekten ein unfaßbares Blutbad anrichten kann. Interessant ist dabei der Ansatz, daß hier nun der Film von mehr Phantasie profitieren muß. Bisher nahm man an, es sei genau andersherum und die Leinwand würde die Vorstellungskraft seiner Zuschauer einengen.
Mit den heutigen Computertechniken längst wieder eingeholt, scheint Beutezeit nur noch ein schriftstellerisches Equivalent zum zeitgenössischen Horrorfilm zu sein, der sich jedoch bewußt oder unbewußt an Ketchums Ausführungen angelehnt haben dürfte. Nun lassen sich viele moderne Gewaltschocker jedoch als plump bemängeln. Auch für Beutezeit muß sich Ketchum schließlich diese Kritik gefallen lassen. Es hätte mehr sein dürfen auf Seiten der Figurenzeichnung, deren durchaus vorhandene Ansätze nie das Gefühl von Tiefe vermitteln. Es ist eine unnötig überzogene Horrorschau, die als Downer konzipiert wenig Anregendes vermitteln kann.
Die Zensur seitens des Verlages kann also nur Schadensbegrenzung gegenüber dem unvorbereiteten Leser gewesen sein. Nur machen Kürzungen eben nicht wett, was ohnehin noch fehlt. Dieser Geschichte mangelt es einfach an Reife.
Originaltitel: Off Season (Rekonstruktion als Off Season: The Unexpurgated Edition)
Deutscher Titel: Beutezeit
Autor: Jack Ketchum
Erstauflage: 1980 (Rekonstruktion 1999)
Wikipedia (en)
vor 1 Tag
Würg! Dabei beschloss ich doch schon nach der Lektüre diverser King-Romane (ja, auch ich!), nie einen Schritt nach Maine zu wagen. Das muss ja zugehen, da!
AntwortenLöschenWenn man noch Filme mit einbezieht, fällt mir kaum noch ein Fleckchen ein, wo es einem nicht ans Leder geht. Das geht ja nebst den Backwoods auch bei Anhaltern und sonstigem Gesindel weiter. Irgendeiner will einem immer an den Kragen. Gute Werbung ist das nicht gerade. Kein Wunder, daß man bei uns lieber Kitsch und Klamauk produziert. ;)
LöschenHu, was liest du denn gerade für ein Machtwerk?
AntwortenLöschenJetzt gerade quäle ich mich durch die letzten 400 Seiten von Kings 'Es' und bin dabei weiter als je zuvor. Jetzt zieh ich das durch!^^
Löschen"Es" ist doch ein Klassiker, den man gelesen haben muss. :P Ich hörte mit meiner King-Lektüre auf, als "Insomnia" das Gegenteil bewirkte. - Aber es stimmt: Überall lauern sie, die bösen Figuren. Mein erster Backwood war zu allem Elend auch ein verdienter Klassiker: "Deliverance" (1972). Gegenwärtig erscheint mir vor allem der Schweizer SVP-Zombie Christoph Blocher in meinen Träumen. ;)
AntwortenLöschenIch bin vom Fernsehfilm zu sehr traumatisiert, den ich vor dem Roman tausendfach gesehen habe. Das beißt sich einfach, zumal King sich im Buch ja auch ständig wiederholt. Ich wette, wenn ich das als Lektor um 1/3 und ein bisschen mehr kürzen würde, käme eine richtig knackige Story dabei raus. Bei mir jedenfalls ist sowas eher spannungsbremsend, wie er den Fortgang herauszögert.
AntwortenLöschenIch mag Ketchum sehr, manchmal wäre ein etwas weniger platter Schreibstil nett im großen und ganzen schreibt er aber sehr solide und schonungslose Horrorkost.
AntwortenLöschen