Das rote Plakat zu Der Mörder mit dem Seidenschal, dem ersten Film aus Adrian Hovens Produktionsfirma Aquila-Film verheißt einen weiteren Film der harten Welle. Doch zart weist die Tagline "Ein fesselnder Kriminalfilm nach authentischen Kriminalakten" darauf hin, daß wir es hier schwerlich mit dem Epigonentum des erfolgreichen Edgar Wallace Rezeptes zu tun haben werden. Hoven selbst adaptiert gemeinsam mit Rolf Becker und Wolf Neumeister den Roman Der Mörder und das Kind von Thea Tauentzien. Es ist eine Situation wie geschaffen für die Suspense, gilt es doch eine Tat aufzuschlüsseln, deren Ablauf dem Zuschauer bekannt ist und deren Folgen nun die Figuren erdrücken sollen.
Adrian Hoven tut sich zunächst schwer damit, auf die Spuren der Psychologie zu kommen, die hinter Der Mörder mit dem Seidenschal und dem kleine Mädchen Claudia steckt, welche so eben in einem furiosen Akt der Eskalation unfreiwillig vom Mord an ihrer Mutter, einer Barsängerin, mitbekommen hat. Schlimmer noch, mit ihren schwindelerregend mystischen Knopfaugen, die in ihrer Tiefe Verlorenheit, Verwirrtheit und Angst vermitteln, hat sie den Täter gesehen. Diese Augen übrigens gehören der 10-jährigen Susanne Uhlen in ihrer ersten Rolle und geben einen Vorgeschmack auf die schwindelerregend psychotronische Kreiselfahrt in Engel, die ihre Flügel verbrennen.
Bei zurückhaltender Musik von Johannes Rediske ist es dann auch die Furcht um das verletzliche, kleine Menschenkind, welches den Zuschauer über den Moment hinwegträgt, da der Auteur noch die Fäden sortiert, um an seinem schließlich wirksam geflochtenen Strang zu reißen. Der Mörder mit dem Seidenschal ist zunächst ein Umgang mit dem plötzlichen Einbruch eines starken Momentes und so geht es zunächst darum, die schleierhaften Hintergründe darzulegen, gleichwohl die Lebensgefahr für Claudia anzufachen, deren Wissen um den Mörder unglücklich Teil der auf exklusive Informationen drängenden Presse wird.
Hier greift das Bemühen um Realität auch in latenter Sozialkritik, als die dramatisierten Lebensumstände des Mädchens zu ihrer Flucht beitragen. So gelang es der Gendarmerie, darunter Harald Juhnke, nicht Zugang zu Claudia zu bekommen, weshalb die Fahndung einen gänzlich anderen Verlauf annimmt. Das Kind ist verständlicherweise verstört, hat jedoch zusätzlich Ängste in ein Weisenhaus zu kommen. Dabei wohnte sie nicht einmal bei ihrer Mutter, sondern alkoholkranken Pflegeeltern, welche sich mehr um die finanzielle Seite interessierten. Gehör und Fürsorge fand Claudia stets bei einer älteren Kauffrau, doch auch hier wird man sie nicht mehr auffinden können.
Der Mörder selbst bewegt sich in einem verruchten Milieu von Spielern und tief geschnittenen Dekolletés. Man neigt zu diskreter Verschwiegenheit, doch bricht die Schutzhülle durch selbstsüchtige Motive langsam auf. Adrian Hoven konzentriert sich für Der Mörder mit dem Seidenschal auf menschliche Schwächen, die ein Sozialgefüge subversiv zersetzen. Je mehr Wissen er schließlich dem Zuschauer läßt und je mehr er die Schlinge zuzieht, desto verdichteter wirkt auch die Spannung seines Films.
Seine Gendarme scheinen dem Verbrechen immer einen Schritt zurück. Hoven fängt dieses Dilemma ein in der technischen Überlegenheit des Täters, als dieser im gestohlenen Sportwagen davonbraust und durchaus eine Chance gegen die Ermittler zu haben scheint, die lediglich einen Dienstporsche zur Verfolgung aufbieten können. Ferner ist es die kleine Claudia, die durch einen Anruf erst eine bedrohliche Nähe an die Fersen des Bösewichtes ermöglicht.
Es ist die mangelnde Handlungsfähigkeit und Hilflosigkeit von Recht und Ordnung, die sich in einem eiskalten, menschenfeindlichen Akt ergießen sollen. Diese nihilistische Härte ist nicht nur ungewöhnlich für ein deutsches Kino, sondern bezeichnend für den weiteren Weg des Adrian Hoven, der auf den finanziellen Mißerfolg durch Der Mörder mit dem Seidenschal fortan sein Heil noch deutlicher in der Exploitation suchte.
Der Star dieses Films ist eindeutig die kleine Uhlen, die durch ihren hypnotisch-kindlichen Blick eine phänomenale Kontrastierung zwischen Unschuld und dem Verderben erlaubt. Mag Der Mörder mit dem Seidenschal nicht ohne Schwächen sein, so gewährt die geschickte Besetzung dieser einmaligen Entdeckung doch ein bemerkenswertes Erlebnis, welchem man sich nicht verschließen kann.
Originaltitel: Der Mörder mit dem Seidenschal
Produktionsland: Deutschland, Italien
Erstaufführung: 06.05.1966
Regie: Adrian Hoven
Darsteller: Susanne Uhlen, Carl Möhner, Folco Lulli, Sonja Romanoff, Harald Juhnke, Adrian Hoven, Helga Liné, Erwin Strahl, Ady Berber, Astrid Boner, Vera Complojer, Elisabeth Stiepl u.a.
OFDb, IMDb
vor 39 Minuten
Und wieder mal ein deutscher Film, von dem ich noch nie etwas gehört habe! Die Karriere der Uhlen zeigt übrigens in etwa die traurige Entwicklung einer bestimmten Gattung, die neben Hoven auch Jürgen Roland kultivierte (deutsche "Verruchtheit" wurde dort allgemein rasch erreicht) - und die zu früh zum Untergang verdammt war : Von offenbar spannenden Filmen gings über Simmel zum Tatort - und endete beim "Erbe der Guldenburgs" und bei "Rosamunde Pilcher". Schade; denn Schauspielerinnen wie sie hätten mehr drauf gehabt.
AntwortenLöschenHaha, die kann ich dann ja herumtragen.
AntwortenLöschen@ Whoknows: Ich glaube fest daran, daß Seidenschal und Engel zunächst Belege dafür sind, wie die gekonnte Besetzung einer natürlichen, physischen Präsenz zielführend wirken. Ferner halte ich Guldenburgs und Pilcher auch für legitime Entscheidungen unter kommerziellen Gesichtspunkten. In Deutschland fragt sich ein Schauspieler welcher Güte auch immer vermutlich nicht nach der Qualität der Produktion, sondern ist mit gut bezahlten Jobs, die in Deutschland auch nicht unbedingt Reichtümer bringen, sichtlich zufrieden. Es ist jedoch die Art der angenommenen Nachfrage, welche einen Einfluß auf diese alltäglich gedrehten Ergüsse ausüben und eben hier sehe ich den Schnittpunkt, an dem wir Dösler ein Signal geben müssen mit dem, was wir denn sehen wollen.
AntwortenLöschenKennst du dich eigentlich mit Fernsehern aus? Ich will mir einen neuen kaufen, habe aber so überhaupt keinen Plan davon :D
AntwortenLöschen