Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare und Analysen

Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare  und Analysen
Das Videoregal... unendliche Weiten... ein Affenmensch stellt sich den unerbittlichen Attacken der Filmindustrie. Ein Forschungsprojekt über Blu-ray Disc, DVD, VHS und Kino. Garantiert antizyklische Reviews aus dem All.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Operation Ganymed (1977)

Operation Ganymed sollte eine Uno-Friedensmission werden. 3 Raumschiffe, bemannt mit Astronauten aus den USA, der Sowjetunion und Europa wurden unter Jubel in den Himmel geschossen, um den Jupitermond Ganymed zu erkunden. Die Einleitung verweist uns auf die Aufgabe der Mission, als nach einem Swing-By-Manöver der Kontakt zu den All-Pionieren abgerissen war. Eine Schweigeminute der Uno-Funktionäre begräbt das Unternehmen, während wir im Folgenden die dystopische Kehrseite menschlichen Fortschrittdrangs erleben dürfen.
In ansprechenden, wenngleich kostengünstig hergestellten Dekors beobachten wir ein Who-is-Who der kernig-männlichen Schauspielerei in einem Kammerspiel, welches so gar nichts zu tun hat mit der Weltraumoper Krieg der Sterne, die im gleichen Jahr das Licht der Welt erblickte. Von der Pentagramma fürs ZDF produziert ist es wieder Rainer Erler, der ein durchdachtes Highlight deutscher Science-Fiction gestaltet hat.

Es ist trotz der Darstellung in der Tiefe erst über die Dialoge zu ergründendes Werk voller Ambivalenz. Dies beruht im Wesentlichen auf der geschickten Narration Erlers, der nie sicher durchscheinen läßt, was in Operation Ganymed schließlich und an welcher Stelle von der Handlung zu Wahn und Wunsch übergeht. Wohl sind es aber die an existentiellen Grenzen getriebenen Figuren, welche in ihren Überlegungen klar Reflektionen über Sinn und Unsinn der Raumfahrt provozieren. Mehr noch bezieht Erler hier den Ansatz zu politischen Überlegungen, angestoßen wohl auch durch die Mondlandung, die kürzlich noch eins der größten Medienereignisse des kalten Krieges darstellte.
Was dieser Stein wohl gekostet habe, überlegt die Figur Uwe Friedrichsens, als er auf den Mondkiesel blickt, der den Raumfahrern offenbar als einziges Souvenir der Mission geblieben ist. Rainer Erler treibt seine Suche nach den Schatten auf die Spitze, als er es wenigen Überlebenden genehmigt, die Erdumlaufbahn zu erreichen. Hier nimmt die Operation Ganymed eine fatale Wendung, als die Männer feststellen müssen, daß sie niemand erwartet, weder mit einer Parade noch dem Andockschiff.

Es ist, als habe Erler für Operation Ganymed dem Planet der Affen all das Phantastische entzogen, um sich in einem Szenario, wissenschaftlich nah des Möglichen, über all das zu stürzen, was man Schlechtes von der Menschheit erwarten könnte. Dabei läßt er die Imagination seiner Figuren Einfluß auf unser Paradigma der gezeigten Bilder nehmen. Es sind die Erwartungen der Gestrandeten, welche die Wirkung umstülpen, verformen und so dem Film Effekte beimengen, die nie gezeigt wurden.
Nahezu philosophische Erkenntnisse über Zusammenwirkung von Mensch und Maschine, von der Sicherheit eines geplanten Systems mitten in der Ferne oder die Lebensunfähigkeit einzelner Menschen in einem globalen Wechselspiel, die das zähe, zeitweise fast schwerelose Tempo von Operation Ganymed bestimmen. Unterstützt von den ans Kosmische ragenden Sounds von Eugen Thomass ist es kein Spaziergang, wie unsere Augen von den harten Kerlen gefesselt werden, die trotz allen Willens auf ihrem Passionsweg mehr und mehr aufgerieben werden.

Kosmisch muß man voller Respekt wohl auch die Arbeit Rainer Erlers bezeichnen, dem es mit Operation Ganymed gelingt, in einem kleinen, gruppendynamischen Werk Zusammenspiel und Einflußnahme von Innen und Außen zu verarbeiten. Wie schon in Die Delegation ist es seine Erzählweise, die dem wenigen Gezeigten eine ungeahnte Größe entlockt. Vielleicht ist es gerade die Not, die diesen gestalterischen Weg steuerte. Vor allem ist es aber ein stets bissiger Missing Link in der Science-Fiction, den es sich wiederzuentdecken lohnt.

Originaltitel: Operation Ganymed
Deutsche Titel: Operation Ganymed; Helden - Verloren im Staub der Sterne
Produktionsland: Deutschland
Erstausstrahlung: 11.12.1977, ZDF, Deutschland
Erstaufführung (Kino): 30.05.1980, Deutschland
Regie: Rainer Erler
Darsteller: Horst Frank, Uwe Friedrichsen, Claus Theo Gärtner, Dieter Laser, Wolf Mittler, Jürgen Prochnow, Vicky Roskilly u.a.

OFDb, IMDb, Wikipedia

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