Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare und Analysen

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Das Videoregal... unendliche Weiten... ein Affenmensch stellt sich den unerbittlichen Attacken der Filmindustrie. Ein Forschungsprojekt über Blu-ray Disc, DVD, VHS und Kino. Garantiert antizyklische Reviews aus dem All.

Sonntag, 17. April 2011

Die Delegation (1970)

Das Jahr 1970 scheint im deutschen Fernsehen eine Offenheit für Experimente mit sich gebracht zu haben. So irritierte nicht nur Das Millionenspiel mit einer Parallelrealität, sondern auch Die Delegation von Science-Fiction-Pionier Rainer Erler. Die Welt schien dabei Reif für Stoffe über außerirdisches Leben, die sich von der US-Paranoia der 50er Jahre hin zu Offenheit für mögliche Chancen entwickelt haben. Nachdem die Amerikaner zudem 1969 den Mond betreten haben, schien der Weltraum nicht mehr unerrreichbar. Wenn etwas da draußen ist, wie wahrscheinlich ist es, daß ein Kontakt stattfinden wird? Oder hat er schon stattgefunden?
Der Schweizer Erich von Däniken, dessen unfaßbare, jedoch wegen seiner Begeisterungsfähigkeit immer faszinierende Vorträge ich schon live erlebt habe, war mit seinem literarischen Überraschungserfolg in aller Munde und wohl in etwa zeitgleich mit Die Delegation wurde Erinnerungen an die Zukunft von Harald Reinl verfilmt. Im Gegensatz zu Dänikens suggestiven Kernfragen jedoch gibt Erler seinen Film von vorn herein als Aufbereitung aufgefundener Fragmente von Filmen, Fotos und Tonbändern aus der Hinterlassenschaft eines Reporters aus und überläßt dem Zuschauer die meist sehr offenen Hinweise auf einen Zusammenhang mit Außerirdischen zu bewerten.

Während es für die einen nun überraschend sein mag, daß es die pseudodokumentarische Form nicht nur weit vor Blair Witch Project, sondern auch vor dem gemeinen Kannibalenschocker gegeben hat, so ist Die Delegation vor allem ein Film, der durch das Publikum seine Bedeutung erlangt. Dieses teils ruppige und durch Tonaussetzer wie Bildstörungen und wackelige Handkamera authentische Werk soll zwar den Versuch einer schlüssigen Ordnung darstellen, ist in seinen Versatzstücken jedoch so kurzatmig, daß ein Verständnis klar davon abhängt, was die gebrauchten Vokabeln im Zuschauer auslösen.
Was haben wir von Außerirdischen gehört? Kennen wir unseriöse Bildzeitungsartikel, phantasiereiche Hypothesen oder haben wir die neue Begeisterung für Ufologie zeitgleich zum Erfolg von Akte X miterlebt und auch studiert? Rainer Erler beginnt Die Delegation mit der Darstellung eines Ufo-Kongresses, der den Zuschauer auch für heutige Verhältnisse auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner mit pseudo- bis wissenschaftlichen Aussagen in den Stoff einführt. Dann irgendwann wird er allein gelassen, gerät gemeinsam mit der ufoskeptischen Hauptfigur in einen zunehmend spanneden Sog aus Irritationen und Indizien.

Hat der Journalist Will Roczinski schließlich nur zuviele Fragen gestellt oder waren es wirklich außerirdische die ihn umgebracht haben? Eine befriedigende Antwort gibt es nicht. Die Bilder und teils nahezu hörspielartigen Tondokumente hat das Publikum im eigenen Kopf umzusetzen. Wohl aber wirft Rainer Erler unter Verwendung von mit einigen verschwörerischen Ansätzen durchsetzten, typischen Däniken-Theorien auch ganz leise Philosophien in das heimische Wohnzimmer. Es geht um das Recht an einer Existenz, unsere Vorstellung von ebenbürtiger Zivilisation oder auch unsere Fähigkeit einer höheren Macht entgegen zu treten.
Der Mensch als Krone der Schöpfung ist abermals das Hauptproblem in diesem Bild. Es ist der Mensch, der es gewohnt ist in neue Welten vorzudringen und sie nach seinen Vorstellungen zu formen. Nachdem wir uns die Erde Untertan gemacht haben, ist es uns ein Greuel, an eine Bedrohung von Außen zu denken, weil angenommen wird, daß Außerirdische die selbe destruktive Art an den Tag legen. Praktisch ohne Effekte funktioniert Die Delegation so hervorragend als Science-Fiction-Thriller, weil die Reize unsere konditionierten Reflexe ansprechen. Doch könnten außerirdische Besucher nicht einfach freundlich sein, es so viel besser machen als der Mensch in seiner Geschichte? Würde der Mensch es je herausfinden oder vorher geschossen haben? Die Wahrheit ist immernoch irgendwo da draussen und Erlers Film so aktuell wie eh und jeh. Toll!

Originaltitel: Die Delegation 
Deutscher Alternativtitel: Die Delegation - Eine utopische Reportage
Produktionsland: Deutschland
Erstausstrahlung: 09.09.1970, ZDF, Deutschland
Regie: Rainer Erler
Darsteller: Walter Kohut, Hans Häckermann, Karl L. Veit, Hermann Oberth, Ilse von Jacobi, Wilhelm Martin, Reinhold Hermann, Alfonso D'Aubert, August Wörner u.a.

OFDb, IMDb, Wikipedia

3 Kommentare:

  1. Danke! :)

    Reichhaltige Besprechung, die dem Film sehr gerecht wird. Er ist einfach ein absolut genialer Geheim-Tipp!

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  2. Gern geschehen. Ich muß mich dafür übrigens bei Manfred Polak bedanken, der mich quasi gerade erst auf dieses Kleinod aufmerksam machte. :)

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