Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare und Analysen

Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare  und Analysen
Das Videoregal... unendliche Weiten... ein Affenmensch stellt sich den unerbittlichen Attacken der Filmindustrie. Ein Forschungsprojekt über Blu-ray Disc, DVD, VHS und Kino. Garantiert antizyklische Reviews aus dem All.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Der Mann im Mond (1991)

Ein kleines Kaff in Louisiana, 50er Jahre. Die 14-jährige Dani Trant ist in Elvis verschossen, hat ihren eigenen Kopf und geht gerne in Nachbars Tümpel planschen, auch wenn sie gerade Hausarbeiten zu erledigen hat. Mit ihr wohnen ihre Eltern und ihre kleine Schwester im Haus, außerdem ihr Ein und Alles, die große Schwester Maureen. Ein viertes Geschwist ist unterwegs. Alles scheint sehr harmonisch, gar idyllisch. Maureen ist schön, klug und trifft sich schon mit Jungen. Es scheint normal, daß ihr eindeutige Angebote gemacht werden, da sie immer in der Lage ist, sich der Bedrängnis zu entziehen. Dani ist noch nicht so weit, diese Umtriebe zu verstehen. Bis der fremde Court sie beim Baden überrascht, was ihr die Schamesröte ins Gesicht treibt. Sie ist nackt.
Wie sich herausstellt ist die inzwischen verwitwete Marie Foster mit ihren drei Söhnen, darunter der 17-jährige Court, auf ihren Hof zurückgekehrt. Anfängliches Gezanke entwickelt sich zu einer Freundschaft zwischen Court und Dani, die schnell zum ersten Kuß führt. Die beiden haben jedoch unterschiedliche Ansichten zu der Beziehung. Während Dani sich verliebt und ihr Vater überraschend nachsichtig agiert, hat Court zum einen den Kopf voll Arbeit und zum anderen ist ihm Dani eigentlich viel zu jung. Als er dann erstmals Maureen begegnet, ist es um ihn geschehen und die Freundschaft der beiden Mädchen wird auf eine harte Probe gestellt.

Die wohl größte Stärke von Der Mann im Mond ist, daß dieses Drama mit erstaunlicher Natürlichkeit abläuft und seine Geschichte vom jugendlichen Aufblühen zunächst ohne plumpe Manipulation erzählt wird. Es ist das Erlebnis eines für die Figuren speziellen Sommers, der ihr Leben nachhaltig verändern wird. Rein von der Atmosphäre, ohne sich mehr als schemenhaft vergleichen zu lassen, könnte man den Film vielleicht als ein weibliches Gegenstück zum hervorragenden Stand by Me beschreiben. Auch Der Mann im Mond bietet, neben anderen stimmigen Kniffen, welche die Aufmerksamkeit des Zuschauers erhalten, einen groben Einschnitt, der selbstverständlich kalkuliert wurde, jedoch die Grundlage dazu bildet, das soziale Gefüge an die Grenzen zu führen.
Regisseur Robert Mulligan beobachtet Details, ohne deren Bedeutung aufdringlich zu erklären. So bleibt es am Zuschauer, zum Beispiel die Belastung Marie Fosters nachzuempfinden, wenn sie ganz nebensächlich beim nachmittaglichen Kaffee einen Schuß Schnaps aus der Flasche in ihrer Handtasche in ihren Eistee gibt. Da läßt sich die Anspannung Courts schon leichter erahnen, da er immer mehr in seiner Arbeit versinkt und selbst zugibt, nicht zu wissen, ob er sich damit nicht zu viel vorgenommen hätte. Daß die Rassenproblematik in den der 50er Jahre noch nicht bewältigt war, spürt man beiläufig an den einzigen mit Afroamerikanern besetzten Rollen.

In der Erziehung der Trants gibt es keine klare Trennung in Gut und Böse. Einerseits ist Vater Matthew sehr streng, greift in Verzweiflung sogar zum Gürtel. Dem begegnet seine geschlagene Tochter mit Verständnis und spricht die Gefühle aus, die der Vater nicht in Worte fassen kann. An anderer Stelle ist er sehr besonnen und hilft seinerseits den Töchtern die Augen zu öffnen. Was man spürt ist die Liebe innerhalb der Familie und so empfindet man selbst ein schlechtes Gewissen bei einem Mißgeschick als schwerwiegend mit.
Obwohl Maureen kurz vor ihrem Schritt in die weite Welt steht, zeigt Der Mann im Mond eben nur diesen begrenzten Ausschnitt der wunderschön ländlichen Einöde mit seinem Frieden und seinen Beschwerlichkeiten. Nur ein kleiner Hauch dessen, was sie erwarten könnte, läßt sich im Film überhaupt ausmachen. Bei einer authentischen Besetzung fällt es da kaum noch auf, daß die junge Reese Witherspoon mit einer unglaublichen Debütleistung glänzt. Als naiv-regsamer Frechdachs, wovon sie sich zumindest ihre ergreifend kesse Art in späteren Rollen gern bewahrt hat, vollzieht sie die Wandlung vom hosentragenden Mädchen zum Teenager, welcher zur Betonung der Weiblichkeit plötzlich auf einen Rock zurückgreifen und Hausarbeiten verrichten möchte, mit einer bezaubernden Niedlichkeit. Ihre Kollegen spielen sich den Präferenzen der Geschichte geschuldet zwar nicht vor sie, wissen jedoch jeden Moment trefflich zu interpretieren und so homogen auszufüllen.

Mulligan setzt das in Details durchdachte Drehbuch von Jenny Wingfield in der Gefahr um, seine Nuancen nicht an ein plumpe Holzhammermethodik gewohntes Publikum durchboxen zu können. Durch die entstandene Dynamik erreicht er damit jedoch auch eine Qualität, die Der Mann im Mond zu einer gefühlsintensiven Erfahrung macht, die zu gleichen Teilen tragisch, rührselig, offen und wunderschön endet - ein bisschen vielleicht, wie John Ford seine großen Dramen ausklingen ließ.

Originaltitel: The Man in the Moon
Deutscher Titel: Der Mann im Mond
Produktionsland: USA
Erstaufführung: 30.08.1991, Deauville Film Festival, Frankreich
Regie: Robert Mulligan
Darsteller: Sam Waterston, Tess Harper, Gail Strickland, Reese Witherspoon, Jason London, Emily Warfield, Bentley Mitchum, Ernie Lively, Dennis Letts, Earleen Bergeron, Anna Chappell, Brandi Smith u.a.

OFDb, IMDb, Wikipedia

5 Kommentare:

  1. Meine erste Reaktion war natürlich: Was, Reese Witherspoon hat in einem guten Film mitgespielt? - Aber Mulligan war natürlich ein sehr beachtlicher Regisseur, man könnte beinahe sagen "ein Mann nach meinem Geschmack". - Also mal wieder ein "Must see". Danke, dass du mich auf ihn hingewiesen hast!

    AntwortenLöschen
  2. Ah, danke für den Eintrag, den wollte ich auch immer mal sehen. Läßt sich ja quasi auch als Abschluß einer Trilogie über das damalige ländliche Amerika sehen, die Mulligan mit To Kill a Mockingbird begann und dem leider recht unbekannt gebliebenem, aber ebenso tollem The Other fortführte...

    AntwortenLöschen
  3. Vielen Dank für eure Kommentare!

    Ich persönlich muß an dieser Stelle zugeben, daß ich Reese Witherspoon sogar so sehr schätze, daß ich mir selbst die zugegebenerweise eher belanglosen RomComs mit ihr ansehe und meine Lücken teilweise gar durch Importe geschlossen habe. Es gibt durchaus Qualitäten auch in ihrer weiteren Filmographie, auf die ich vielleicht hier noch einmal eingehen werde. Der Mann im Mond ist aber mit Sicherheit ein besonderer Film in diesem Zusammenhang, den man allein schon wegen der damaligen Jugendlichkeit schwer mit den späteren Engagements vergleichen kann.

    Ich freue mich nicht nur, daß ich euch von diesem Werk überzeugen konnte, sondern auch, daß ihr mich nun durch eure Aussagen nochmals ausdrücklich darin bestärkt, auf die Suche nach weiteren Filmen Mulligans zu gehen. Es ist mir nämlich tatsächlich nicht mehr im Bewußtsein, jemals weitere Exempel seines Schaffens betrachtet zu haben. Ihr beide habt ja sowieso ein Talent dafür, meinen Horizont mit Filmen zu erweitern, deren Existenz mir bisher nicht mal bewußt war. :D

    AntwortenLöschen
  4. Sehr interessant. Der Film war mir bis zu dieser kurzen Besprechung auch nicht wirklich ein Begriff, vielleicht weil ich Mulligan nach seinen Arbeiten aus den 60er Jahren auch aus dem Auge verloren habe. Dazu Sam Waterston, den ich auch nur wirklich mit Law & Order verknüpfe, und sehr schätze. Kommt auf die Liste und Reese Witherspoon, da muss ich dem Intergalaktischen zustimmen, hat irgendwie was, auch wenn viele Filme in ihrer Filmographie nu echt nichts Besonderes darstellen.

    AntwortenLöschen
  5. Endlich Rückendeckung an der Witherspoon-Front. :D

    AntwortenLöschen

Was ist deine Meinung dazu? Dein Kommentar ist herzlich willkommen und sogar erwünscht. Ich freue mich auch über nützliche Hinweise und Verbesserungsvorschläge.
Da nicht jeder Internetnutzer so vernünftig ist wie du, werden Kommentare grundsätzlich erst freigeschaltet.

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.

Intergalaktische Reisepassagiere lesen gerade: