Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare und Analysen

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Das Videoregal... unendliche Weiten... ein Affenmensch stellt sich den unerbittlichen Attacken der Filmindustrie. Ein Forschungsprojekt über Blu-ray Disc, DVD, VHS und Kino. Garantiert antizyklische Reviews aus dem All.

Dienstag, 16. August 2011

Tote schlafen fest (1946)

Wenngleich Humphrey Bogart als Sam Spade in Die Spur des Falken stilbildend für eine ganze Ära von Film Noir Privatdetektiven war, so findet sich der Höhepunkt seines Rollentypus doch erst unter Regie von Howard Hawks in Tote schlafen fest, wo Bogart Raymond Chandlers Romanfigur Philip Marlowe verkörpert. Beinahe wäre es dabei gar nicht zu dem Film gekommen, den wir heute genießen.

Die Arbeiten begannen 1944 und bereits 1945 war Tote schlafen fest abgedreht, wurde jedoch von Warner zurückgestellt, da man sich zum Ende des zweiten Weltkrieges von kriegsbezogenen Stoffen mehr Erfolg versprach. Dann kam es zur folgenschweren Entscheidung. Um Lauren Bacalls Karriere gegen über der schweren Kritik an Jagd im Nebel zu richten, sollte sie charakterlich näher an ihren Erfolg in Haben und Nichthaben heranreichen. Ein Jahr nach Fertigstellung wurden also Szenen nachgedreht und einzelne Dialogpassagen synchronisiert. Ganze Sequenzen wurden verändert oder gekürzt.

Als Tote schlafen fest schließlich 1946 in die Kinos kam, durfte sich das Publikum einer surrealen Kaskade aus Zynismus und erotischer Spannung gegenübergestellt sehen. Für wahr, dieser Film macht es seinem Zuschauer nicht einfach zu folgen. Von zwei Autoren ohne jeglichen Kontakt zueinander aus- und dann zum Abschluß als Ganzes überarbeitet kam unter anderem die Frage auf, wer denn Owen Taylor ermordet habe. Ein Anruf bei Chandler sorgte für Gewißheit - dieser wußte es selbst nicht.

Dies legt vielleicht eine Herangehensweise an das Werk nahe, die schnell als "Style over Substance" mißverstanden, einem jüngeren Publikum vielleicht am ehesten über David Lynchs Attitüde zu Mulholland Drive verdeutlicht werden kann. Als Mittler der chandlerschen Geschichte bewirft uns Hawks in Tote schlafen fest förmlich mit einem halben Telefonbuch voller Namen und Figuren, die in einem Netzwerk aus Lüge und Intrige immer eine Hintertüre offen haben, um den Plot zu einem Paradigmenwechsel zu führen.

In einem zunächst einfachen Erpressungsfall ist der Privatdetektiv nun für uns zentrale, mittels Bogart und die Musik Max Steiners vertraute Identifikationsfigur, denn der ausschließlich in Studiokulissen gedrehte Film Tote schlafen fest bietet keine von seinem Protagonisten gelöste Szene. So ist die Wahrheit ultimativ über den Kenntnisstand des Helden definiert, welcher in seiner Kunstsprache der Hard-Boiled-Natur nur scheinbar stetig seinen festen Stand in einem Mummenschanz bewahrt, welcher ihn einem Traum gleich unkonntrollierbar hin und her wirft.

Diese somnambule Atmosphäre wird nur gesteigert durch den Umstand, daß sich der Privatdetektiv Marlowe dauerhaft mit der sexuellen Versuchung der ausschließlich attraktiv besetzten Damenwelt konfrontiert sieht. Bedingt durch den Hayes Code entstehen hierdurch wunderbare Szenen eindeutig zweideutiger Konnotation, welche sich bis in die Endtafel durchsetzen, in welcher zwei brennende Zigaretten in einem Aschenbecher beisammen liegen. Gerade aber, weil wir im Schlafe oftmals Bilder in ihrer Aussage ungleich der Darstellung betrachten, scheint sich Howard Hawks' Umsetzung von einem Realismus gänzlich zu entfremden.

Wie sein Protagonist offenbart er einen Spieltrieb, dem die Kontrolle über seine Umgebung dabei nicht immer voll zu eigen ist. Auch er muß sich einem Spiel ergeben, welches Autoren, Auflagen, Produzenten und nicht zuletzt die Schauspieler durch ihre Interpretation steuern. Wie der Held in Tote schlafen fest doch irgendwie voran kommt, so verzeiht man als Zuschauer unbewußt wurschtige Ignoranz an manchen Details, weil die Fülle der Informationen und die geschickt inszenierte Obsession an den einzelnen Stimmungen gar keine Zeit lassen die Willkürlichkeit zu beurteilen, die am Ende doch nur wieder den Kreis zu einem exzessiven Surrealismus schließen würde.

Feste Strukturen und Codes haben uns auf ein Erwartungsschema konditioniert, welches uns Fragen stellen läßt, die hier niemand beantworten will. Am ehesten genießt man Tote schlafen fest wohl, in dem man sich selbst von seinen Erwartungen löst. Howard Hawks scheint die Funktion der Traumfabrik Hollywood wörtlich zu nehmen und läd den Zuschauer zu einer Reise ein, die Abgründe der menschlichen Psyche offenbart. Deshalb scheint es nur richtig, daß man sich in Humphrey Bogart gegen den von Raymond Chandler bevorzugten Cary-Grant-Typus entschieden hat. Bogart paßt viel besser in dieses Werk, was gemessen an den nahezu fetischistisch stilisierten Frauenfiguren vielleicht doch eher eine Männerphantasie beschreibt.

Originaltitel: The Big Sleep
Deutsche Titel: Tote schlafen fest, Der tiefe Schlaf
Produktionsland: USA
Erstaufführung: 23.08.1946, USA
Regie: Howard Hawks
Darsteller: Humphrey Bogart, Lauren Bacall, John Ridgely, Martha Vickers, Dorothy Malone, Peggy Knudsen, Regis Toomey, Charles Waldron, Charles D. Brown, Bob Steele, Elisha Cook Jr., Louis Jean Heydt u.a.

OFDb, IMDb, Wikipedia

8 Kommentare:

  1. Wie Albert Einstein schon sagte: "Manche Männer bemühen sich lebenslang, das Wesen einer Frau zu verstehen. Andere befassen sich mit weniger schwierigen Dingen z.B. der Relativitätstheorie ."
    Gerade bei deutschen Komödien merke ich immer wieder, dass der Humor irgendwie überhaupt nicht meiner ist. Ich kann mir einen ganzen Film anschauen, ohne ein einziges Mal zu lachen. Auch die deutschen Schauspieler/innen sprechen mich nicht an. Ich könnte spontan keinen nennen, der mir wirklich zusagt. Vielleicht habe ich bisher die falschen deutschen Filme gesehen, aber die meisten fand ich einfach nur langweilig, die Dialoge ermüdend, die Handlung vorhersehbar. Wenn ich einen Film sehe, möchte ich in erster Linie gut unterhalten werden und das ist für mich bei deutschen Filmen nicht der Fall. Schaust du gerne deutsche Filme? Vielleicht hast du ja einen Tipp?
    Mela♥licious

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  2. Hi
    du hast auf meinen Blog kommentiert und nun will ich deine Frage bezüglich der filme "96 hours" und "taxi driver" beantworten.
    Also zuerst einmal, finde ich den film 96 hours richtig gut, weil die handlung nicht einfach fdrei erfunden ist, sondern irgendwo auf der welt tatsächlich so passieert und das nimmt einen noch mehr mit. ( mich zb.) dann finde ich ihn gut, weil er keine komplizierte story hat, sondern einfach zu verstehen ist. ich saß im kino und war die ganze zeit gespannt darauf, was passieren würde. so eine spannung hab ich nur bei seltenen filmen. es ist schnell, es ist hart und ein super actionthriller. da wird nicht viel geredet sondern gehandelt. einfach toll.- hast du ihn gesehen?

    zu taxi driver. ich weiß nicht wieso ihn viele menschen toll finden und ihn so sehr empfehlen. dass man ihn gesehen haben muss ist mir ein rätsel. ich fand ihn megalangweilig. mehr kann ich dir dazu nicht sagen. den hast du auch gesehen?

    grüßle, anja

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  3. Hm, ich hab keine Ahnung, wieso ich seit Dezember nicht mehr im Kino war.. irgendwie hat sich einfach nichts ergeben. Wochenenden sind meist mit anderem Zeug ausgeplant und unter der Woche hab ich auch andere Termine und/oder bin dann einfach zu faul.. dabei hab ich eine Liste mit gefühlten 2347244538975 Filmen, die ich sehen will.. argh! :D

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  4. Arschloch und Essen … das lässt ja relativ viel Interpretationsspielraum.
    Aber ich sehe den Zusammenhang so: Arschlöscher sind i.d.R. sehr frustrierend und gegen Frust hilft ja bekanntlich essen. Zusammenhang hergestellt :D

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  5. Spannende und einleuchtende Lektüre! Als Hawks-Fan neige ich ohnehin dazu, deiner Bevorzugung von "The Big Sleep" zuzustimmen. Sie wäre wohl nur insofern zu relativieren, als wir es bei "The Maltese Falcon" mit dem Erstling eines Regisseurs zu tun haben, während Hawks schon Meisterwerk an Meisterwerk gereiht hatte. - Trotzdem: Einige neue Erekenntnisse. Vielen Dank!

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  6. Hab vor kurzem gehört, dass er umgeschnitten wurde um mehr Bacall mit Bogart drin zu haben, weil ihr Affäre gerade Wellen schlug. Also reines Marketing. Tja. In Bologna kam dieses Jahr die Originalschnittversion. Hätte ich gern mal gesehen, aber da war ich schon weg.
    Und nach zehnmal sehen, konnte ich sogar der löchrigen Story folgen. Es war großartig zu sehen, wie wenig alles zusammenhängt und wie willkürlich die Figuren handeln. Auch wenn ich nach ner halben Stunde schon wieder kaum noch was wußte.
    Aber wie du schreibst, lebt er natürlich von seinem somnambulen Erlebnischarakter.

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  7. Hallo :-)

    Ich denke ein Diktiergerät würde sich lohnen. Wenn du oft Ideen oder Formulierungen vergisst, ist das ja schade :-/

    Wow ich bin ziemlich überwältigt von der vielen Resonanz zu meinem scherzhaften Bloggerartikel. Auch vielen lieben Dank für deinen Kommentar – fand es wirklich toll, dass du, wie so viele, ihre Ansichten dazu gepostet haben *-*

    Ja, in diesem Artikel habe ich mich etwas auf die Fotos/Kameras versteift. Ich wollte nicht zu viele Baustellen öffnen, da das Ganze so eh schon recht lang war ;-D

    Alles Liebe

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  8. Ohja, Tote schlafen fest finde ich total großartig! Lauren Bacall ist einfach klasse.

    Ich habe tatsächlich billigen Cider in Massen genossen :D Da bin ich mittlerweile wirklich großer Fan von. Und oh ha. Ich habe zu viel Geld für DVDs ausgegeben. Irgendwann musste ich mich echt zusammenreißen.. Aber: TBBT Staffel 3 für 8 Pfund! Wuhu.

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