Liebe Musikfreundinnen und Musikfreunde,
bei meinem ersten Blick auf die bisherigen Themen des 52 Song Marathons war ich mir recht sicher, aus der linken Rückhand Text um Text schütteln zu können. Schließlich bin ich durchaus musikaffin und habe in meinem Leben schon die unterschiedlichsten Sparten ertragen und genossen. Nun verlangt das Thema 5 nach Lagerfeuer. Ja klar, Lagerfeuer. Es gibt hunderte Songs die man gespielt hätte haben können, wenn man denn jemals romantisch mit einer Gitarre an einem funzelnden Stöckerhaufen gehockt hätte. So wirklich gab es diesen Moment jedoch nie in meinem Leben, weshalb ich etwas umdisponieren muß, um meine Antwort persönlich zu halten.
Feuer, das sind in meiner Jugendzeit durchaus attraktive Großereignisse gewesen. Riesige Scheiterhaufen wurden in akribischer Hingabe meist von der lokal ansässigen Landjugend in Zusammenarbeit mit der örtlichen freiwilligen Feuerwehr errichtet. Bange bedeckte man das Brenngut mit Planen, wenn das nahende Happening im Regen zu ersaufen drohte und Brandbeschleuniger wie Benzin wurden vorsorglich bereitgestellt. Diese Freudenfeuer waren aber zumeist Nebenereignis einer ansonsten typischen Ackerfete und wurden dementsprechend als Alibi im hinteren Teil eines abgeernteten Feldes platziert.
Ackerfete, das ist ein Event, bei dem die erste Überlegung den geklärten Fronten zwischen unterschiedlichen Gruppierungen gelten sollte. Nicht daß es eine Rolle für den garantiert noch stattfindenden Polizeieinsatz spielen würde, aber es hat sich als ratsam herausgestellt, sich in ausreichend großer Gruppe in der richtigen Konstellation an der richtigen Stelle im richtigen Moment zu befinden. Auswachsen, nicht im Volldelirium enden und imposanter erscheinen hat mir in dieser archaischen Welt sicher jedoch auch dabei geholfen, nach meinem 14. Lebensjahr keine gebrochene Nase mehr einzufangen.
Ackerfete, das ist im Grunde immer dasselbe Schema. Irgendwo in der hinterletzten Pampa, weit weg von jeglicher Zivilisation entschließt man sich, oftmals im jährlichen Turnus, zur allgemeinen Belustigung und Saufveranlassung, eine ländliche Nutzfläche mit Ausschankstellen und einem Wurstbräter zu versehen. Je nach Budget und Größe beschallt Nachbars Sohn oder der lokale Held der Dorfdisko Plattenteller von einem mehr oder minder bestückten Anhänger. Nur manchmal trennt sich tanzendes Volk vom ausschließlich trinkfreudigen Pöbel durch ein extra eingerichtetes Festzelt, in dem vom Strohballen bis hin zur Bierzeltgarnitur unterschiedliche Sitzgelegenheiten eingesetzt werden können.
In der Regel ist die Ackerfete die Attraktion vor allem für die Landjugend, die sich nun nicht beschämt an der Bushaltestelle zum Vernichten allerlei Spirituosen treffen muß. Doch auch Ausdörfler gehören zu den unter 16-jährigen, die sich von Papi in die Wildniss gekarrt vor der persönlichen Sperrstunde fleißig die Kante geben. Das war schon immer so und hat nichts mit erhöhtem Alkoholkonsum unter Jugendlichen geschweigedenn einer Alkopop-Generation zu tun.
Zu den Ersten gehören ansonsten noch die über 30-jährigen, die sich in weitere zwei Gruppen teilen. Die einen sind jedes Jahr dabei und werden bis zum letzten Ton der Musikanlage das Gelände nicht mehr verlassen. Die anderen kehren zurück, weil sie des grauen Beziehungsalltags überdrüssig oder gar verlustig geworden sind. Daß das Publikum mit den fortschreitenden 20ern in der eigenen Altersgruppe ausdünnt, weil die selbst gegründete Familie (oder seit einigen Jahren World of Warcraft) zur Priorität geraten, stellt man entweder schmerzlich fest, weil man nicht selbst früh genug aufgehört hat hinzugehen, oder selbst auf den Gedanken kommt, mal wieder auf einer Ackerfete zu erscheinen.
Wie kommt man als Stadtkind überhaupt schon in jungen Jahren auf die Idee, sich in diese Umgebung zu bewegen? Es sind die in den Schulen geknüpften Netzwerke durch den gesamten Kreis, die Heranwachsende in Scharen auf den zum Festplatz auserkorenen Acker ziehen. Hier lernt man die lebenswichtigen Dinge wie standhaft zu bechern, seine Lunge zu Teeren und sich in Rangeleien zu behaupten. Im Grunde ist die Ackerfete auch so etwas wie ein generationenübergreifender Vorläufer von Bauer sucht Frau, ist es doch selten einfacher, einem holden Wesen, welches ebenfalls im Rausche befindlich ist, näher zu kommen. Gerade dies sorgt für Zündstoff, ist man gerade zwischen unterschiedlichen Cliquen doch nicht unbedingt auf dererlei Interaktion erpicht. Aber auch Blicke oder die Herkunft außerhalb des Dorfterritoriums können eskalierend wirken, wie auch im Vorbeifliegen aus der Hand gerissene Getränke zum Anstoß geraten können. Zumeist erfordert gerade dies aber das Einschreiten eines mächtigeren Charakters, da zwei verwickelte Streithähne selten noch Aufmerksamkeit für Außenstehende, die sich einzumischen gedenken, aufweisen.
Ackerfete ist Herz und Schmerz des Alltags ausgelebt in einer Open-Air-Großraumdisko. Da gehört auch Entrüstung über das plötzliche Abschleppen lassen durch einen doch eigentlich so verhassten Kerl dazu wie andere mitgebrachte Zickereien, die unter den weiblichen Besuchern zu schrillen Wortgefechten führen können. Es spielen sich alkoholgeschwängerte Dramen frischer oder marode gewordener Partnerschaften ab. Mít vorrückender Stunde nimmt der weinerliche Ton derer zu, die allein geblieben über ihr verkorkstes Leben sinnieren. Am Rande, außerhalb der schmerzhaften Dezibelwerte, kommt es jedoch auch mal zur tiefgründigen Diskussion, während man selbst durch die drei Schichten Socken noch nicht gegen die vom manchmal noch gefrorenen Boden emporkriechende Kälte trotzen kann. Wohl dem, der sich eine der begehrten Frauen sichern konnte, die sich allein schon der abgegebenen Wärme wegen bereitwillig annähern, was spätestens bei einer eisekalten Hand in der Hose jedoch auch zu Rückzugsgedanken führen kann. Für gewöhnlich unterbricht einen hier in beiderlei Situation Aufmerksamkeit erhaschende geistige Umnachtung und/oder Berauschtheit. Für Wahr, die Ackerfete ist kein Ort für Kinder der Traurigkeit und bestimmt nicht Hort der allgemeinen Ruhe. Ob es nun ein sich prügelnd vorbeiziehender Mob ist, der begutachtet werden will oder ein am Ende seiner Kräfte am Boden kriechender Junglandwirt, der sich kaum auf den Sitz seines Traktors emporgekämpft zu einer Spritztour aufraffen will, die Ackerfete schafft es spätestens durch den quasi um sich hier aufhalten zu können schon aufgezwungenen Alkoholkonsum, Menschen binnen Minuten auf ihre Urinstinkte, -bedürfnisse und -nöte zu reduzieren. Geschäfte werden in der umliegenden Botanik verrichtet. Sich zusammenfindende Grüppchen sorgen solidarisch für die nie abreißende Zufuhr von Getränken. Wer schließlich unter der Last zusammenbricht, wird bestenfalls zu einem anwesenden Sanitäter geschleppt, schläft im Graben seinen Rausch aus oder pennt, was leider schon vorgekommen ist, mit Todesfolge auf Gleisen oder hinter einem Fahrzeug ein.
Was uns nicht umbringt, macht uns härter. Denn obwohl man jedes Mal darüber nachdenkt, nachdem man sich den Auspuff in den tiefen Furchen des Parkarreals abgerissen hat oder in der sich dort bildenden Matschlandschaft einfach stecken blieb, sich in eiseskälte die Beine in den Bauch gestanden hat, um dann ewig mit der Sehnsucht nach einem wärmenden Bett auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten, ist man ganz oft auf der nächsten Ackerfete wieder dabei. Es ist schon irgendwie ein gesellschaftlicher Anlaß, den Menschen, die man ansonsten nicht treffen würde, im Telegrammstil über den Fortschritt des eigenen Lebens zu berichten. Gerade in den kargsten Gegenden ist es auch oftmals überhaupt die einzige Gelegenheit sich in der breiteren Öffentlichkeit sehen zu lassen.
Obschon sich die Sicherheitsmaßnahmen und kommerziellen Züge gegenüber der einstigen nahezu grenzenlosen Freiheiten dieser Veranstaltungen doch in jüngerer Zeit gewandelt haben, man nicht mehr so rebellisch ist, einen eigenen Schlag zu vertreten und sich gegebenenfalls zu der lautstarken, fahrbaren Privatdisko zurückzieht, man sich im Anblick der vielen nachgerückten Generationen unglaublich alt vorkommt und zeitgleich kaum mit dem ansonsten vertretenen alten Schlag identifiziert, rückt zumindest bei mir nach ein paar Jahren der Abstinenz fast schon wieder der Wunsch in greifbare Nähe, einfach mal wieder zu gucken, wie es so ist.
Dabei weiß ich eigentlich doch ganz genau, was mich auch in der nächsten Saison dort in den aktuellen Farben und Tönen erwarten wird. Dieses Kabinett der menschlichen Skurrilitäten, der Unreifen und der Überreifen, ist etwas, was sich kaum über die Jahre wandeln wird. Ob nun nüchtern, besoffen oder mit der vermutlich teuersten Flasche Wein des ganzen Feldes im Arm, Ackerfete bleibt Ackerfete. Und seit 1983 gibt es vermutlich keinen passender beschreibendes Diskofox-Synonym, welches in Anspruch und Nachhaltigkeit der Veranstaltung gleicht und welches unter Garantie mindestens einmal pro Event in das Stoppelfeld gesteppt wird:
Wahnsinn
Interpret: Wolfgang Petry
Album: Wahnsinn
vor 20 Stunden
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