Da Auteur Uwe Frießner seine Hauptfigur auch Jimmi taufte, muß man unweigerlich an Simmels Romantitel Und Jimmy ging zum Regenbogen denken, dabei gibt es doch inhaltlich kaum Parallelen. Genauso übrigens, wie die DVD-Veröffentlichung von Das Ende des Regenbogens in der Reihe "Gay Classics" eine vollkommen unnötige Konnotation in sich birgt. Dahinter verbirgt sich ein großartiger Film, der sich hinsichtlich sexueller Orientierungen so wenig aufdrängt, daß man dieses "Label" nur als einengend empfinden kann.
Einem Regenbogen aber jagt dieser Jimmi durchaus nach. Ikonographisch auffällig ist dabei eine Kernszene, die diesen Kampf nach dem Glück am Ende dieses Lichtbogens wunderbar zusammenfasst. Der Junge wird in der Bahn von Schaffnern kontrolliert. Kaum spielt es noch eine Rolle, ob er eigentlich einen Fahrschein hat, denn der Kontrolleur hat ihm sein Popcorn verschüttet. Hierüber entbricht ein Streit und Jimmi flieht - entgegen der Laufrichtung der Rolltreppe.
Nur zu deutlich wird dabei die Sturheit, mit der sich Jimmi das Leben schwerer macht als nötig. Es ist die innerliche Zerrissenheit eines Jugendlichen, der dazu verdammt zu sein scheint, als Verlierer zu leben, das Ende des Regenbogens nie erreichen zu können.
So wie das Regenbogenmuster der Plakate der Berliner Diskothek Sound hier indirekt in die Titelwahl eingeflossen zu sein scheint, so gibt Frießner mit seinem Auftakt noch eine Parallele zum kurz vorher vom Stern herausgegebenen Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Der 17-jährige Jimmi ist ein Stricher und er hat Glück, denn der Hunger trieb ihn gerade an eine Imbißbude, als eine Razzia hinter dem berüchtigten Bahnhofsgebäude durchgeführt wird. Dies ist für den Jungen ein Initialzünder. Er kommt in einer Studenten WG unter, wo er sich nach bester Treber-Art frech bedient, doch nach und nach den Weg zu einem geregelten Leben angeht. Er besorgt sich Papiere, sucht nach Arbeit, findet sogar eine Freundin.
Das Ende des Regenbogens ist ein Clash aus drei Generationen, die Jimmi unterstützen und behindern. Die Studenten sind in ihren Verhaltensmustern verhaftet zwischen konservativem Zukunftsdenken und dem verpflichtenden Gefühl, soziales Engagement an den Tag legen zu müssen. Sie sind offensichtlich überfordert mit diesem Vulkan eines jungen Mannes, der von Zuhause keine Ordnung mit auf den Weg bekommen hat, gleichwohl aber auch in Ermangelung von Liebe mit Gewalt konfrontiert wurde. In einem androgyn-experimentellen Chic betont er erotische Austrahlung, scheint naiv, aggressiv und kann doch auf seine direkte Art immer eine gewisse Liebenswürdigkeit entwickeln.
Uwe Frießner nimmt sich dabei die Zeit zu erzählen, wie schon der Weg zum Amt oder die Stellenrecherche eine Herausforderung sind. Hat er einen Job gefunden, ist die Firma überhaupt nicht pädagogisch gerüstet für einen Charakter, der mit der geforderten Disziplin überlastet ist. In dieser bürgerlichen Normalität wird nicht erkannt, daß schon pünktliches Erscheinen eine Leistung für den Jungen ist und sein Entwicklungsstand schon hierfür eine Wertschätzung erfordert.
Das Ende des Regenbogens handelt von einem Jugendlichen, der sich hinter all dieser wehrhaften Fassade doch zunächst einmal Geborgenheit wünscht und obwohl ihm die meisten etwas Gutes wollen doch ständig gegen Widerstände zu laufen scheint.
Auffällig dabei ist die Beziehung zum Mädchen Gabi, die doch genauso seiner No-Future-Gruppe anzugehören scheint und selbst bereits einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Wie er sie in einer andächtigen Szene auf einem Dachboden von Hinten nimmt, scheint es zunächst als habe er plötzlich Kontrolle. Er ist die treibende Kraft und er kann seinen egoistischen Trieb befriedigen. Das vor ihm gebeugte Mädchen läßt hingegen ihren Genuß nicht klar erkennen. Als Jimmi sie fragt, ob sie nun miteinander gehen, stimmt sie zu.
In ihrem gemeinsamen Umgang scheint Jimmi einem vorkonditionierten Muster in der neuen Rolle als Partner zu folgen, welches dem der Eltern ähnelt. So gibt Jimmi zwar, ist jedoch immer zunächst auf sich bedacht, so daß die Beziehung zu diesem ebenfalls anfälligen Mädchen kein gutes Ende nehmen kann. Dabei urteilt Frießner in Das Ende des Regenbogens hier genauso wenig wie im übrigen, vornehmlich mit Laien gedrehten Film, welcher eine semi-dokumentarische Echtheit erreicht.
So ensteht vielleicht der Eindruck, daß Jimmi von Gabi enttäuscht sein muß und sie einen Platz in seinem Herzen gefunden hat, ohne daß er es äußern konnte, jedoch kann der Zuschauer dies nur an den detaillierten Handlungen aus Jimmis Alltag erahnen.
Stets jedoch scheint es in Das Ende des Regenbogens so, als könne die Hauptfigur nicht wirklich schlecht sein. Auch wenn die Rolling-Stones-Zunge auf der Gesäßtasche Jimmis knatsch-enger Jeans eine Auflehnung vermittelt, so ist er doch in Momenten des Glücks verharrend immer auch in der Lage zu teilen. Als er schließlich die WG verlässt, tut er dies nicht, ohne sein letztes Geld als Ausgleich für seinen Aufenthalt zu hinterlassen.
Als Jimmi in der Studentenwohnung das erste Mal in seinem Leben ein kleines Stück Privatsphäre erhielt, schmückte er diese Höhle mit drei Bildern, die drei Grundsäulen seines Konfliktes untermauern. Als erstes wählt er eine Abbildung von A-Hörnchen und B-Hörnchen, die neben einer Betonung der infantilen Seite als selbstsüchtige Störenfriede auch charakterlich eine tiefere Bedeutung beimengen. Ein Dinosaurierposter zeugt von einem aggresiven Überlebenskampf, während ein Sonnenuntergang eine scheinbar unpassende romantische Seite aufzeigen.
Das Ende des Regenbogens erzählt schließlich davon, wie Jimmi zwar mit Unterstützung einer Sozialisierung näher kommt, jedoch die eigenen Fortschritte gar nicht als solche erkennt. Er kennt kein Maß, weshalb ihn sein Lebensstil unweigerlich ausbrennt. Um nach seinem chaotischen Prinzip eine Normalität herstellen zu können, müßte er unweigerlich in unendlichem Reichtum schwelgen, doch zeitgleich ist er darauf bedacht, den einfachsten Weg einzuschlagen, ist sogar über den Lohn entsetzt, daß er für zwei Tage Arbeit erhält.
Auf diese Weise konnte er mit den Ansprüchen die in der WG durch die Mitbewohner und ihn selbst an Jimmi gestellt wurden nicht dauerhaft existieren. Doch gibt es noch einen weiteren Bruch. Während die anderen Jimmi eher kritisch gegenüber standen, war Dieter immer wesentlich verständnisvoller und hilfsbereiter. Nachdem der Jugendliche eine Festschmaus anschleppte, kommt es trunken zu einer kurzen körperlichen Annäherung, bei der Jimmi, auf Dieter zu geht. Wie weit reichte nun dessen Fürsorge wirklich? War es eine sozialpädagogische Ader, platonische Liebe oder gab es da an einem Punkt eine erotische Spannung, die Jimmi spüren konnte? Eine klare Antwort darauf gibt es nicht.
Wohl aber gibt es eine weitere Nacht, in der Jimmi mit seinen Straßenkumpels nach einem Rauswurf aus der Music Hall zu dritt das Bett teilt. Auch hier wird keine sexuelle Interaktion gezeigt, weil es garniemand etwas angeht, geschweige denn wichtig für den Film wäre.
Ginge man von dem Slogan "Der schwule Kultfilm der 80er!" aus, mit dem die DVD der Edition Salzgeber wirbt, so müßte man wohl nun im inneren Konflikt des Protagonisten eine Selbstfindung unter der Regenbogenfahne suchen. In dieser zerrütteten Situation jedoch explizit eine Begründung in der Homosexualität zu suchen, halte ich für äußerst gefährlich.
Was Uwe Frießner in Das Ende des Regenbogens eigentlich zeigt, sind Bilder der Geborgenheit, die unter den Männern deshalb entstehen können, weil sie sich nicht um Konventionen scheren, sondern in der winterlichen Kälte einer nur von einem Heizstrahler erwärmten Wohnung im Bett zusammenrücken.
Freilich hat die Hauptfigur scheinbar in seinem Überlebenskampf die Hemmungen überwunden, seinen Körper zahlenden Männern feilzubieten. Sein offensiver Umgang mit weiblichen Kleidern, Schmuck und nicht zuletzt den langen Haaren mögen bestimmte Neigungen reizen. Sogar Gabi gewandet sich im Vergleich eher derb mit Lederjacke, was schließlich jedoch auch alles der zeitgenössischen Mode entspricht.
Uwe Frießners Film wurde als radikal, ungehobelt und schmutzig beschrieben, jedoch ist er auch ehrlich, natürlich und echt. Frießner widmet Das Ende des Regenbogens einer Person namens Andy, seinem Vorbild für die Figur des Jimmi. Andy sei ein Junge gewesen, der im Tod die einzige Chance gesehen habe, einmal selbst die Kontrolle inne zu haben. Die aufwühlende Darstellung einer Schattenseite Berlins gibt den Verlieren ein Forum, wo sie sonst vergessen oder verdrängt worden wären, um dem Image der westdeutschen Insel in der DDR nicht zu schaden.
Am Ende des urbanen Regenbogens aus Neonlichtern, dem schönen Schein, da findet man die Gosse. Auch ohne Vorwürfe kommen da unweigerlich Fragen auf, ob diese Kontraste sein müssen, ob es nicht eine Annäherung geben kann. Uwe Frießner lehrt uns, daß es dennoch ein Komplex individueller Umstände ist, den man nicht pauschal bekämpfen kann. Und gilt dies nicht heute noch genauso?
Originaltitel: Das Ende des Regenbogens
Produktionsland: Deutschland
Erstaufführung: 21.09.1979, Hamburger Filmfest, Hamburg, Deutschland
Regie: Uwe Frießner
Darsteller: Sabine Baruth, Heinz Hoenig, Thomas Kufahl, Henry Lutze, Slavica Rankovic, Udo Samel, Dennis Schmidt-Foss, Andrew Bergmann, Elisabeth Walinski, Volker Kude u.a.
OFDb, IMDb
vor 39 Minuten

Erstaunlich: Von diesem Film, der offenbar eher eine unaufdringliche Annäherung an das Thema ist, habe ich noch nie etwas gehört. Dabei zögere ich schon längere Zeit eine kleine Reihe, die ich "Gay Moves" nennen möchte (das "i" ist bewusst ausgelassen, weil es mir nicht um die grossen "movements", sondern die Bewegungen einzelner Menschen geht), hinaus. Als thematisch ähnlich könnte man z.B. die schwierige Selbstfindung eines jungen Mannes in "Der Traum vom schlafenden Hund" (1998), der Verfilmung eines Romans, der auch in den 70ern geschrieben wurde, empfinden - oder den sexuell allerdings sehr expliziten "Garçon stupide" (2004), den wir unserer westschweizer Regiehoffnung Lionel Baier verdanken. - Früher oder später muss ich das Vorhaben in Angriff nehmen. Interessant übrigens, dass sich das Label "Gay Movie" auch auf solche Filme nur höchst eingeschränkt anwenden lässt.
AntwortenLöschenIch kann mich noch an die Fernsehausstrahlung vor ca. 30 Jahren erinnern. Damals waren Dramen über unterprivilegierte und/oder aufsässige Jugendliche gerade groß in Mode, siehe auch Rüdiger Nüchterns SCHLUCHTENFLITZER und Marianne Lüdckes Dreiteiler DIE GROSSE FLATTER, auch beide von 1979. Die Verfilmung von CHRISTIANE F. war dann 1981 der Zenith und die Ankunft im Mainstream (produziert von Eichinger).
AntwortenLöschenDennis Schmidt-Foss ist doch auch ein bekannter Synchronsprecher oder?
AntwortenLöschenJa, das war seine erste Schauspielrolle, so wie es aussieht. Vom Alter her müßte er dann der kleine Junge im Treppenhaus gewesen sein. Immerhin durfte er dann spielen, wie er sich fast in die Hose macht. :D
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