Die beiden Hauptakteure des von Jörg Buttgereit ins New York der 70er verlegten Hörspiels Sexmonster heißen Adam und Dick. Adam, nach dem ersten Menschen, hat einen streng religiösen Vater und er ist naiv. Seine sexuellen Erfahrungen gleichen Null. Sein Geschlecht ist winzig. Dick ist das exakte Gegenteil, ein Sinnbild der penifizierten Gesellschaft. Er geht in die Kinos der 42nd Street, wickelt die Mädchen um den Finger und ist berüchtigt für sein übergroßes Gemächt.
Zu Tonfragmenten eines trockenen Aufklärungsfilms verschmilzt Buttgereit in Sexmonster Eindrücke zeitgenössischer Natur mit den Augen eines Jugendlichen. Unwirklich konfrontiert er seinen Protagonisten Adam mit zerfaserten Zwängen und Sehnsüchten. In ihm kocht der pubertäre Drang nach Sex. Schüchternheit und langsames Herantasten haben keine Chance in einer Gesellschaft, in der Körperlichkeit zum hedonistischen Produkt geworden ist. Es geht um Leistung und Erfüllung.
Adams Vater predigt die Darstellung erigierter Glieder als höchste Sünde, habe selbst zur Zeugung seines Sohnes den Akt nicht vollzogen. Adams Geist wird nur auf schizophrene Weise verwirrt durch puritanischen Irrsinn, wandelt somnambul und orientierungslos zwischen Schwarz und Weiß.
Als Stammauteur des Kontroversen nimmt Buttgereit in Sexmonster diese Fäden auf wie einen Schuljungen-Report, läßt aber dem Drang eine eskalative Katharsis folgen. Sein Adam gerät in die offenen Arme des Dr. Cockburn, der ihm den Riesenknüppel seines durch eine Sexualkrankheit dem Tode geweihten Freundes transplantieren. Rough und Nasty wie die Filme der 42nd Street ergießt sich die amerikanische Konfrontation aus Lust und Verbot in einem Akt der Gewalt, wenn das Sexmonster zuschlägt.
Jörg Buttgereit liefert Schlüsselreize für Insider, wenn z.B. das Hospital nach Harry Reems benannt ist, Hardcorelegende und Star nur zu passend illustrer Streifen wie Sex Wish. Auch aus dem asiatischen Kino kennt man den Schwengelfanatismus aus Werken wie Sex & Zen. Was sich für Kenner fragmentarisch als Tagtraum eines Filmjunkies zusammensetzen kann, ist zum anderen subversive Einkehr einer Fankultur in die öffentlich-rechtlichen Medien.
Viel mehr aber mag es erstaunen, daß es sich bei Sexmonster nicht nur um Provokation handelt, sondern Jörg Buttgereit sich ganz im Gegenteil auf hochpolitischen Terrain bewegt. Mit diese akkustischen Exploitation spiegelt er eine Kultur, die sich pathologisch in Widersprüchlichkeiten selbst schädigt. Daß diese Reflektion unweigerlich auch den Sinn eines Jugendschutzes beinhaltet, scheint deshalb ironisch, da der WDR das Hörspiel Sexmonster zwar zu später Stunde ausstrahlte, jedoch den angekündigten Download aus Jugendschutzgründen untersagte. Das Radio ist läufig geworden und dies ist doch eine kleine Revolution.
Am 24.09.2011 soll dann erneut die Bahn gebrochen werden, wenn ein Double Feature aus Green Frankenstein und Sexmonster als "Grenzgang zwischen Live-Hörspiel, Theater und Film" im Schauspiel Dortmund uraufgeführt wird.
Titel: Sexmonster
Produktion: WDR, Deutschland, 2009
Autor/Regie: Jörg Buttgereit
Rollen (Sprecher): Adam Wishman (Sven Plate), Dick Sprengler (Marlon Kittel), Dr. Cockburn (Peter Groeger), Mandy / Prostituierte (Nina Weniger), Jenny (Vivien LaFleur), Conny / Passantin (Jule Böwe), Sprecher, Filmton / Nachrichtensprecher im Radio / Arzt / Schauspieler / Polizist 2 (Joachim Kerzel), Frau Dr. Summer / Schauspielerin im Film (Cathlen Gawlich), Vater (Udo Schenk), Lehrerin (Claudia Steiger), Steve / Pilot, Cooper (Robert Kreuzaler), Polizist (Timo Dierkes), Passant (Jörg Buttgereit)
Jörg Buttgereit, HörDat
vor 39 Minuten

"Adam Wishman" ist bestimmt eine Anspielung auf Doris Wishman, die Königin des Trash.
AntwortenLöschenUnd jetzt habe ich plötzlich Lust, wieder mal PERCY zu sehen.
Hm, das würde Wishman eine Doppelbedeutung geben, da man ja grundsätzlich auch seine Sehnsüchte nach Männlichkeit hierin vermuten könnte.
AntwortenLöschenPercy ist ein interessanter Tip, der ist bisher nicht zu mir durchgedrungen. Der Spatz in der Hand ist ja auch ein super deutscher Titel, ehm.