Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare und Analysen

Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare  und Analysen
Das Videoregal... unendliche Weiten... ein Affenmensch stellt sich den unerbittlichen Attacken der Filmindustrie. Ein Forschungsprojekt über Blu-ray Disc, DVD, VHS und Kino. Garantiert antizyklische Reviews aus dem All.

Montag, 4. Juli 2011

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (2009)

Noch kurz zuvor flimmerte ein Satz über die Schirme: "Ich nehme diesen Preis nicht an!" Das deutsche Fernsehen und sein Publikum waren gespalten, erschüttert von dieser Reaktion oder glücklich, daß jemand endlich einmal ausspricht, wie sehr die Kultur zwischen Fernsehköchen und Schuldenberatern zu leiden hat. Ein kurzes, aber inhaltlich der knappen Gesprächszeit unterworfenes Gespräch mit Thomas Gottschalk gönnten die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ihrem quotentauglichen und wie immer polarisierenden Publizisten und Literaturkritiker noch, schoben dies jedoch an den Rande des Programms - wie so oft, wenn es um Inhalte geht. Zwar konnte Marcel Reich-Ranicki, immerhin am Zenit der achten Dekade seines Lebens und auf eine erfolgreiche wie umstrittene Karriere zurückblickend, seinem Ärger hier Luft machen, bewies entgegen seiner gepflegten bis provokativen Streitkultur diesmal nicht fundierte Kenntnisse, sondern offenbarte, sich einfach nicht in einer Reihe mit den Nominierungen des Deutschen Fernsehpreises gesehen zu haben. Mit Mein Leben bieten die finanzierenden Sender WDR und Arte nun ein Versöhungsangebot. Der Fernsehfilm von Dror Zahavi basiert auf der millionenfach verkauften Autobiographie Ranickis.

Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki erzählt den Lebensweg Marcel Reichs von seiner Ankunft als Junge in Berlin bis hin zu seiner Einreise in die BRD Ende der fünfziger Jahre episodenhaft nach. Die tragische Geschichte ist geprägt von der Machtergreifung Hitlers. Reich (als Neunjähriger Filip Jarek, später Matthias Schweighöfer) spricht bei seiner Ankunft kein Deutsch; er wird gehänselt. Doch er kämpft und erlernt die Sprache, wird zum musterhaften Schüler. Nun, unter dem Naziregime, ist es seine jüdische Herkunft, die ihm zu schaffen macht. Theater und Literatur entwickeln sich zur Leidenschaft. Schon früh entwickelt Marcel den Wunsch, Kritiker zu werden; seine Freundin Angelika (Henriette Richter-Röhl) möchte Schauspielerin sein.
Reich kann noch das Abitur ablegen, doch der Wunsch eines Studiums bleibt ihm verwehrt. Er wird aus Deutschland ausgewiesen. In Warschau wohnt er bei seinem Bruder Alexander (Alexander Khuon), einem Zahnarzt. Nach der Besetzung Polens lebt die Familie im Warschauer Ghetto. Marcel Reich arbeitet dort als Übersetzer.
Als sich der Nachbar Langnas erhängt, eilt er in die Wohnung, beruhigt die entsetze Tochter Tosia (Katharina Schüttler). Die beiden verlieben sich, bleiben fortan zusammen. Beider Familien werden im Laufe der Deportation nach Treblinka verschleppt. Marcel und Tosia flüchten. Sie kommen bei einem polnischen Pärchen unter, die sie unter Lebensgefahr verstecken. Hier drehen sie illegal Zigaretten und Marcel rezitiert Literatur, bis sie schließlich von der Roten Armee befreit werden.
Später aus der kommunistischen Partei entlassen, arbeitet Reich in einem polnischen Verlag, setzt sich für deutsche Literatur ein, organisiert eine Lesung Heinrich Bölls. Er trifft seine Jugendfreundin Angelika wieder, sie ist Schauspielerin. Beide haben ihren Berufswunsch erfüllt. Schließlich reist Marcel in die BRD aus und wird Kritiker bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wobei er erst hier seinen Namen in Reich-Ranicki geändert hat.

Ein Werk vor diesem Hintergrund kritisch zu betrachten ist schwer, darf es doch nicht am nötigen Respekt mangeln. Wohl aber darf ein tragisches Schicksal auch kein Hinderungsgrund und keine Entschuldigung sein. Es gibt einen entscheidenden Zug des Drehbuchautors Michael Gutmann, der dem Film leider jeglicher Authentizität beraubt. Aus dramaturgischen Gründen erfand er ein Verhör des polnischen Geheimdienstes vor dem Offizier Kawalerowicz (Sylvester Groth) durch das die einzelnen Episoden verknüpft wurden. Gleichwohl gibt Marcel Reich-Ranicki in Fernsehinterviews an, daß die geschilderten Geschehnisse unter den Nazis in Mein Leben deutlich milder dargestellt wurden, um den Zuschauer nicht zu verschrecken.
Es gleicht wirklich oft einem Lustwandel, wie Reich in diesem Film stets besonnen auf eine eloquente Art aus dem Schlamassel zu entkommen vermag. Schweighöfer trägt zu dieser Wirkung bei, in dem er die Figur glaubhaft, aber eben nicht mit einer Vielzahl Charakteristika anlegt, die eine Gefahr in die Parodie abzurutschen in sich geborgen hätten. Es ist hingegen ein Kunststück Katharina Schüttlers, mit einer insbesondere textlich so untergeordneten Rolle eine starke, spürbare Präsenz zu entwickeln.

Dror Zahavi wählt eine Mischung aus Dokumentationsstil, Drama und Erzählung. Gut vorgekaut erweckt er mit Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki nahezu den Eindruck einer Glorifizierung seiner Hauptfigur, obwohl, oder gerade weil er an den besonders tragischen Stellen, wie die Geschichten beim Schriftsetzer Bolek, Zurückhaltung übt. Ranicki selbst beschreibt diese Episode als Scheherazade-Motiv, er habe um sein Leben erzählen müssen. Diese Bedrohung wird im Film kaum spürbar. Dafür scheint eine bizarre Komik durch, als Marcel Reich im Zug nach Polen zwischen Menschen gepfercht von seinem Buch aufblickt und in Anlehnung an seinen zukünftigen Biß zu vermelden weiß, daß er das falsche Buch ausgewählt habe; er sei ganz schön zäh, dieser Balzac.
Wo der Film so fixiert auf die Beziehung Marcel Reichs zur Kultur ist, verpaßt er jedoch die Gelegenheit, deren Bedeutung für eine Zusammenführung zu betonen. Das Verständnis für die Außerordentlichkeit seines Einsatzes für deutsche Literatur in Polen wird durch die Abmilderung der Bedrohung durch ein Land, welches seine bevorzugten Dichter hervorgebracht hat, verzerrt. Der Entscheidung schließlich in die BRD zu gehen, wird zu wenig Gewicht beigemessen. Gerade für ein jüngeres Publikum wäre es schön gewesen, zu verdeutlichen, welchen Vertrauensbeweis Ranickis Einreise gegenüber dem deutschen Volk darstellt, welches er trotz unverzeihbarer Erfahrungen nicht pauschal aburteilt, was keinesfalls selbstverständlich ist. Gleichwohl hätte, wenig akkurat wie der Film im Gesamtbild erscheint, vielleicht ein Interesse weckender Exkurs in die Literatur hier eher Gehör gefunden, als daß sich junge Zuschauer im Anschluß für Ranickis Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke interessieren würden.

Marcel Reich-Ranicki zeigte sich begeistert über Mein Leben, den er als Film über sich, nicht aber als authorisiertes Werk verstanden wissen wollte. Seinem Ego wurde sicherlich geschmeichelt, doch Zahavis Version seiner Geschichte ist lediglich einseitig, verwässert und für den Zuschauer nahezu uninteressant. Das ist schade, denn aus dem Munde Ranickis weiß sein Schicksal zu berühren, beindruckt, macht sprachlos, erweckt Mitgefühl. Mein Leben hingegen umschifft die Ecken und Kanten, die eine Person wie Ranicki so einzigartig machen. Seine Kritik am deutschen Fernsehen trifft so leider auch auf diese wenig sachliche wie tiefgängige Umsetzung zu. Eine objektive Haltung dem gegenüber wäre vielleicht kontrovers, aber nach dem Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis immerhin konsequent.

Es dauerte ein gutes Jahr, bis Marcel Reich-Ranicki anläßlich seines 90. Geburtstages gegenüber der Zeit plötzlich ganz andere Töne anklingen ließ. Nun war der Film nicht mehr "fantastisch", sondern "enttäuschend" habe ihn "nicht berührt". Nun relativiert Ranicki: "Natürlich habe ich ihn gelobt. Aber aus dem Film hätte man etwas ganz anderes machen können." Dieses Urteil steht wohl für sich selbst.

Originaltitel: Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben
Deutscher Alternativtitel: Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki
Produktionsland: Deutschland
Erstaufführung: 19.03.2009, Köln, Deutschland
Erstausstrahlung: 10.04.2009, Arte, Deutschland
Regie: Dror Zahavi
Darsteller: Matthias Schweighöfer, Katharina Schüttler, Maja Maranow, Joachim Król, Sylvester Groth, Alexander Khuon, Rolf Nagel, Filip Jarek, Henriette Richter-Röhl, Thomas Meinhardt, Friederike Becht, Katharina Rivilis u.a.

OFDb, IMDb, Wikipedia

5 Kommentare:

  1. Sie sähen das wie üblich richtig, verehrter Herrrr Affenmann. Gestattän Sie mir nur äinä Korrrektur: Ärr spricht heute noch kein Deutsch. ;) - Eigentlich müsste man den selbstgerechten Kerl, wäre er nicht mittlerweile steinalt, von Herzen verachten, was wir als Studenten in den 70ern auch taten. Heute liest man jedoch z.B. "Lauter Verrisse" mit einer beide Seiten betreffenden Altersmilde und denkt sich: Nun ja, edler Greis! So überzeugend waren deine Argumente auch wieder nicht.

    Ob ich mir die Verklärung seines Lebens je antun werde? Vermutlich bleibe ich doch lieber beim wesentlich eindrücklicheren Victor Klemperer...

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  2. Nun bin ich diese Akzentuierungen von seiner Generation und deren Eltern sogar noch gewohnt. Ich kann mir vorstellen, daß dir das trotzdem komisch vorkommt, wie mir vermutlich das Schwiizertüütsch.
    Außerdem finde ich die angeborene Streitlust nebst dem Hang zur Polemik durchaus erquickend. Man darf das nicht verwechseln - Ranicki als Mensch finde ich sympathisch ohne zwingend seine Meinung zu teilen, zumal auch er oft genug bewiesen hat, wie wenig es auf Inhalte ankommt. Aber eine Schau, die ist das Original schon einstweilen. ;)

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  3. Wobei ich immer fand, dass MRR bei seinen Verrissen oft die Finger vergleichsweise zielgenau in die Wunde legte, während seine Lobhudeleien häufig erstaunlich kurzsichtig und daneben waren, insbesondere wenn er meinte, junge Talente durchsetzen zu wollen.

    In den 1970ern war MRR natürlich sehr out, da er ja der Antitheoretiker par exellance war und ist. Als Flüchtling aus dem Ostblock hatte er es im akademischen Klima jener Jahre auch nicht gerade leicht.

    Er sang allzu oft sein einfaches, manchmal zu einfaches Liedchen, doch: Oft sah er unter all den betulichen Luschen des hochverfilzten bundesdeutschen Literaturbetriebs die faule Stelle und scheute sich nicht, eine deutliche Meinung zu haben.

    Trotzdem hat mich MRR nie gelangweilt, wenn ich in Abständen etwas von ihm las. Seine Autobiografie finde ich trotz aller Selbststilisierung sehr spannend geschrieben. Aber brauche ich diesen Film? Mir scheint auch nach Ape-Mans Besprechung, dass die Antwort eher "nein" lautet.

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  4. Hallo :-)

    Erstmal tut es mir leid, dass ich jetzt erst zurückschreibe. Habe mich aber über deine Kommentare gefreut, danke!

    Die vergangene Woche hat mich mit diesem ganzen Layoutkram wirklich an den Rande der Verzweiflung getrieben. Und was ist das Blödeste: Es entspricht immernoch nicht meinen Vorstellungen!

    Aber heute gönne ich mir einen Friseurbesuch. Veränderung muss her – an mir und dem Blog :-D

    Zu deinem Post: Den Film habe ich sogar gesehen und fand ihn ganz nett. Allerdings schaue ich fast nie deutsche Produktionen. Es gibt kaum einen deutschen Film, den ich kenne und als super empfunden habe.
    Wegen der Blogparade: Werde es mir mal überlegen, aber um ehrlich zu sein, befüchtete ich, dass ich zu wenige Filme, die zur Parade passen, kenne.

    Alles Liebe.

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  5. Hallo :-)

    Doch, doch „Frühstück bei Tiffany“ kenne ich und ich liebe die Filmmusik dazu („Moon River“). Aber im Grunde kenne ich kaum einen deutschen Film.
    Aber allg. ältere Filme („Klassiker“) kenne ich schon 2-3.
    Werde mir in naher Zukunft erstmal „Sabrina“ und „Funny Face“ anschauen.
    Wenn mir die Filme gefallen, werde ich in diesem Segment weiter stöbern.

    Zu deiner Kritik bezüglich meinen „Film-Reviews“ (wie man das ja jetzt so schön nennt):
    Ich muss mir definitiv eingestehen, dass ich recht wenige Informationen liefere. Allerdings habe ich das deshalb gemacht, weil ich nicht alles verraten möchte, falls einer meiner Leser den Film doch noch anschauen möchte. Der andere Beweggrund ist jener, dass viele (besonders junge) Menschen zu lange und ausführliche Texte abschrecken – besonders, weil mein Blog eigentlich nicht viel mit Film und Fernsehen zu tun hat.
    Trotzdem möchte ich zukünftig versuchen etwas mehr Infos und Begründungen einfließen zu lassen. Vielen Dank auch für deine ehrliche Meinung – es kommt nicht mehr oft vor, dass jemand ehrliche (und gute) Kritik vorbringt.

    Wie bist du denn zu deiner Leidenschaft für ältere bzw. deutsche Filme gekommen?

    Alles Liebe.

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