Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare und Analysen

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Das Videoregal... unendliche Weiten... ein Affenmensch stellt sich den unerbittlichen Attacken der Filmindustrie. Ein Forschungsprojekt über Blu-ray Disc, DVD, VHS und Kino. Garantiert antizyklische Reviews aus dem All.

Sonntag, 20. November 2011

Gegenspionage (1952)

Der deutsche Titel Gegenspionage läßt viel weniger darauf schließen, daß sich André De Toth mit Springfield Rifle hier auf Western-Terrain befindet. Dafür bergen beide Bezeichnungen Hinweise darauf, daß sich die McCarthy-Ära auch in diesem ur-amerikanischen Genre niedergeschlagen hat.
Bei dem Springfield Rifle geht es um eine wegen des neuen Lademechanismus auch Trapdoor genannte Waffe der Springfield Armory, die in die Jahre gekommene Vorderlader, welche durch den zeitaufwendigen Ladevorgang einen enormen Nachteil gegenüber dem neuen Gewehr hatten, ablöste. Das Trapdoor nimmt eine Patrone in einer am Lauf auf Höhe des Abzugs angebrachten Kammer auf. Beim Feuern wird die Hülse automatisch ausgeworfen. Die Kammer kann so im Handumdrehen neu geladen werden.*

Mit dem Titel Gegenspionage stützt sich der deutsche Verleih auf einen viel wesentlicheren Aspekt und nimmt damit De Thoths Überraschung etwas vorweg. Diese Warner Produktion und der Anschluß an Gary Coopers Erfolg in 12 Uhr Mittags ist keinesfalls eine Variation von Winchester 73. Das Gewehr spielt in diesem Film eine sehr untergeordnete Rolle und ist viel mehr der Hoffnungsfunke für die von Pferdeverlusten gebeutelten Blauröcke. Für ein freies Amerika setzt sich Major Kearney (Cooper) über die Statuten der Armee hinweg und läßt sich unehrenhaft entlassen, um den Diebstählen auf die Schliche zu kommen.
Unterstützt von den für Max Steiner typischen Klangteppichen, die immer im richtigen Moment in ein passendes Thema umkippen und hier vornehmlich mit militärischen Bläsern Akzente setzen, fordert Gegenspionage zunächst einiges an Aufmerksamkeit. De Toths zu Beginn eingesetzte, elliptische Darstellungsform verzichtet auf eine aufwendige Gestaltung der Ausgangssituation und verlangt so vom Publikum, sich anhand der Dialoge zu orientieren. Dieser Knoten löst sich im Folgenden durch traditionelle Westernmotive, als Kearney verhaftet wird und sich dem Todesurteil nahe bei einem Ausbruch Ganoven anschließt, die zu den heimtückischen Pferdedieben gehören. Unterstützt von spannenden Actionszenen lernt der Zuschauer schließlich die Funktion der Gegenseite kennen, in deren Reihen sich der ehemalige Major durch seine Erfahrung als patenter Helfer etablieren kann.

Es ist nicht schwer, die Geschichte auf das Jahr 1952 zu beziehen, in dem die Paranoia vor dem subversiven, kommunistischen Einfluß gerade Anhörungen auf Staats- und Regierungsebene verursachte, wie auch in Hollywood gerade eine zweite Untersuchungswelle im verfassungsrechtlichen Grauzonenbereich angelaufen war. Auch das Wettrüsten war im Ost-West-Konflikt von Bedeutung, weshalb der Hinweis auf das Springfield Rifle nicht ganz belanglos erscheint. Da eine Aufnahme auf die schwarze Liste gedroht hätte, ist jedoch eine kritische Auseinandersetzung gar nicht zu erwarten. Der nach einer Geschichte von Sloan Nibley entstandene Gegenspionage nimmt viel mehr das Zeitgeschehen auf, um eine Abwandlung des Westernkosmos, der viel weniger ein Genre als ein Outfit für unterschiedlichste Themen darstellt, zu gestalten. Inwiefern sich hinter beiläufigen Handlungselementen tatsächlich politische Kommentare verbergen, bleibt dem Scharfsinn und der Interpretationsfreude des Zuschauers überlassen.

Durch die Position der das freie Amerika bedrohenden Südstaatler und die Ergreifung von im üblichen Verfahren nicht vorgesehenen Maßnahmen der antikommunistischen Perspektive nahe gestellt, hebt sich der Film vom ordinären, mit klaren Fronten ausgestatteten Kavallerie- und Bürgerkriegs-Western ab. Die Bedrohung besteht von außen wie innen und liegt zunächst im Ungewissen. Nach diesem Prinzip kommt Gegenspionage auch ohne eklatant große Schlachtszenen aus. André De Toth findet nach der etwas beschwerlichen Einleitung ein Gleichgewicht zwischen dramaturgischer Entwicklung und zunehmend mitreißender Aktion. Wie Kearney mit dem Sinn nach Rechtschaffenheit das Mosaik der Beziehungen zusammenfügt, verliert er gleichfalls Bande zu Familie und Vertrauten.
Obschon diese abschnittsweise rigorose Komposition zwischen oppulent angelegten Pferdeopern etwas in Vergessenheit geraten ist und De Toth sich mit der einem Thriller ähnlichen Intensität seines Tag der Gesetzlosen selbst noch übertreffen kann, wird er seinem Ruf als Regisseur origineller Filme hier doch gerecht. Als überdurchschnittlicher Vertreter seiner Zunft ist Gegenspionage Westernfans zu empfehlen. Als gelungenes Exempel für ein auf eine Epoche festgesetztes Sujet im Wandel der Zeit sollte das Werk jedoch auch bei Filminteressierten generell auf Zuneigung stoßen.

* Das Springfield Rifle, um welches sich der Film dreht, ist wegen des Versuchsstadiums wahrscheinlich ein Vorläufer des Model 1873. Springfield Armory, der Traditionslieferant der Army, ersetzte mit dieser wegen des neuen Lademechanismus auch Trapdoor genannten Waffe die in die Jahre gekommenen Vorderlader, welche durch den zeitaufwendigen Ladevorgang einen enormen Nachteil gegenüber dem neuen Gewehr hatten. Das Trapdoor nimmt eine Patrone in einer am Lauf auf Höhe des Abzugs angebrachten Kammer auf. Beim Feuern wird die Hülse automatisch ausgeworfen. Die Kammer kann so im Handumdrehen neu geladen werden.
Obwohl der hier thematisierte amerikanische Bürgerkrieg nur von 1861-1865 andauerte, handelt es sich bei der Waffe weniger um einen Anachronismus, als weitläufig vermutet wird. Zum Ende des Krieges hatte das U.S. Ordinance Department weltweit Prototypen für Hinterlader angefordert. Springfields Erskine S. Allin überzeugte dabei mit dem späteren Model 1865. Dies war eine kostengünstige Modifikation von Model 1863 Musketen und wurde in den folgenden Jahren in mehreren Modellschritten überarbeitet, bis die Gewehre direkt als Trapdoor hergestellt wurden. Es ist also zwar etwas unwahrscheinlich, daß bereits 1864 solche Prototypen in die Hände der Armee gelangen konnten, mit der Erklärung, daß dies nur über spezielle Kontakte möglich war ist der Film im Rahmen der künstlerischen Freiheit, die hier vielleicht ein paar Monate überbrückt, durchaus als glaubwürdig genießbar.


Originaltitel: Springfield Rifle
Deutscher Titel: Gegenspionage
Produktionsland: USA
Erstaufführung: 22.10.1952, New York City, New York, USA
Regie: André De Toth
Darsteller: Gary Cooper, Phyllis Thaxter, David Brian, Paul Kelly, Lon Chaney Jr., Philip Carey, James Millican, Guinn 'Big Boy' Williams, Alan Hale Jr., Martin Milner, Wilton Graff u.a.

OFDb, IMDb, Wikipedia (en)

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