Intergalaktische Filmreisen: Kritiken, Empfehlungen, Kommentare und Analysen

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Das Videoregal... unendliche Weiten... ein Affenmensch stellt sich den unerbittlichen Attacken der Filmindustrie. Ein Forschungsprojekt über Blu-ray Disc, DVD, VHS und Kino. Garantiert antizyklische Reviews aus dem All.

Montag, 7. März 2011

Die blutigen Geier von Alaska (1973)

Wer einen Blick auf die deutschen Erfolgsfilme der 50er und 60er Jahre wirft, kommt am Namen Harald Reinl nicht vorbei. Der ehemalige Assistent Leni Riefenstahls fiel zunächst durch Heimatfilme auf, denen er einen eigenen Stempel aufdrücken konnte. Als man Kriegsfilme drehte, steuerte er Werke wie U47 - Kapitänleutnant Prien bei. Mit Der Frosch mit der Maske prägte er eine Welle von Edgar Wallace Verfilmungen, mit Der Schatz im Silbersee die Gestaltung der Winnetou Filme entscheidend mit. Als Fritz Lang seinen Dr. Mabuse wiederbelebte, schloß er mit Themenadaptionen wie Im Stahlnetz des Dr. Mabuse an. Auch bei der Jerry Cotton Umsetzung Der Tod im roten Jaguar und Fortsetzungen zu Die Lümmel von der ersten Bank wie Pepe, der Paukerschreck ließ er sich als Regisseur blicken. Ganz nebenbei erschuf er mit dem Remake des Fritz Lang Zweiteilers Die Nibelungen den bis dahin teuersten Film im Nachkriegsdeutschland westlicher Seite. Wer sich am Stil der Hammer Studios erfreute, wird sicherlich nicht schlecht staunen, so er Die Schlangengrube und das Pendel für sich entdeckt.
Nun ist es nicht erstaunlich, daß ein recht vielfältig ausgerichteter Regisseur auch ein paar Überraschungen birgt, die zumindest in der heutigen Zeit kaum eine breite Aufmerksamkeit erfahren. So findet sich in der späten Filmographie des Harald Reinl eben auch ein Film wie Die blutigen Geier von Alaska, eine Mischung aus Abenteuer, Western, Drama und Krimi mit einem Schuß Humor und dem aus Die Leute von der Shiloh Ranch bekannten Gaststar Doug McClure. Ganz wie man es erwarten würde.

Oder doch nicht ganz. Tatsächlich merkt man es diesem Werk an, daß in Europa seit Der Schatz im Silbersee einige hundert Western gedreht wurden, die weitaus garstiger ausfielen, als der doch eher familienfreundliche Streifen. Hier finden sich kaum epischen Landschaftsaufnahmen oder ein hymnischer Soundtrack. Erkennt man an Einstellungen wie einen Regenbogen über dem Sprühnebel eines Wasserfalls ein Auge für das Detail, so orientiert sich die Optik doch eher nah am Geschehen und entspricht so den wenigen Kulissen in der Stadt, im Wald und im Banditenlager. Lediglich wenige Szenen wie in den verschneiten Bergen lassen hier einen weitschweifenderen Blick zu. Dies unterstreicht die bedrohliche Nähe der Banditen, die den Goldtransport aus der Goldgräberstadt Camp Keno überfallen und kann mit der eher unauffälligen Musikuntermalung von Bruno Nicolai eine sehr eigenständige Spannung erzeugen, die aufgrund der unkonventionellen Umsetzung sicherlich nicht jedem zugänglich ist.
Dabei kreuzt Die blutigen Geier von Alaska das Überfallszenario mit einer Geschichte vom entführten Sohn, dem kranken Jungen Billy. Dessen Vater Sanders (Kurt Bülau) hatte der Protagonist Don Rutland (Doug McClure) versprochen, Billy zu einem Arzt zu bringen, doch der blutige Überfall des Transportes, der den Jungen zum nächsten Doktor bringen sollte, während Don zurück zum verletzten Sanders eilt, treibt Billy in die Hände des Gangsters Mark Monty (Harald Leipnitz), der den Jungen um den Verlust seines Bruders trauernd adoptiert. Ein Komplize aus den Reihen der Goldgräber sorgt für zusätzliche Verwicklung und bietet Raum für ein verschwörerisches Spiel, bei dem der vom Hilfs- zum Vollsheriff aufgestiegene Buffins (Miha Baloh) eine Intrige gegen Don spinnt. Hätte man diesen Plot linearer verfolgt wäre es sicher ein zwar unauffälligerer, aber auch massenkompatiblerer Western geworden.

Es sind die gewollt in die Geschichte gepressten Szenen, die eine Konzentration auf den Hauptplot unterbrechen und dessen Entwicklung leider auch etwas behindern. Hierunter fällt eine Episode in den verschneiten Bergen, die nicht nur durch die plötzlich berücksichtigten Indianer hervorsticht, sondern diese nur dazu benutzt, einen Messerkampf darzustellen, bei dem deutlich Blut in den Schnee tropft. Wäre das nicht genug, gibt es noch einen stark Verwundeten am Marterpfahl und einen blutbeschmierten Schäferhund. Schwer zu verbergen, daß man hier eine Brücke zum Gewaltwestern schlagen wollte, stärker noch als in Reinls letztem Karl-May-Western Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten.
Der Auftritt von Roberto Blanco ist aufgrund der kritisierenden Darstellungsweise, bei der die Stadtbewohner in ihm erst mehr sehen, als den etwas abfällig betrachteten "Neger", als sich herausstellt, daß dieser der erfolgreiche Boxer Ham ist, eigentlich nicht negativ zu beurteilen. Daß man ihn jedoch hautpsächlich einführt, um ihn in der obligatorischen Saloonschlägerei als stark pigmentierte Bud Spencer Kopie zu verheizen, ist dann etwas enttäuschend. Die dabei eher komische Umsetzung steht insbesondere im Kontrast zum durchaus räudigen Überfall auf den Goldtransport und der erwähnten Gewaltsequenz.

Orientiert sich die Geschichte grob an denen eines Jack London, erinnert ein Raubvogelangriff auf den Jungen doch zu sehr an eine Szene aus Winnetou und das Halbblut Apanatschi. Ein Karl May Vergleich konnte bei dieser Konstellation sowieso nicht ausbleiben. Heinz Reincke als dauerbetrunkener Capt'n Brandy wirkt mit seiner ihm wie auf den Leib geschneidert erscheinenden Nebenrolle belustigend und dies nicht mal störend, ist er einfach ein sympathischer Typ, den man in fast jeder seiner Besetzungen mögen muß.
Kristina Nel in der Rolle der Sheriffstochter Rose hat Klasse, kann Reinls Ex-Frau Karin Dor, deren Präsenz man hier irgendwie vermisst, jedoch nicht im Geringsten erreichen. Leider gönnt das Drehbuch Rose nicht die sich eigentlich aufdrängende Romanze mit Don Rutland.
Als Schatten der Zeit läßt sich erwähnen, daß Kristina Nel mit Paragraph 218 - Wir haben abgetrieben, Herr Staatsanwalt und Die Klosterschülerinnen sowie Saloondame Angelica Ott mit Engel der Sünde und Komm, liebe Maid und mache in Filmen mitgewirkt haben, von deren vermeintlicher Frivolität in ihren Auftritten hier keine Spur zu finden ist.
Nun glänzte Autor Kurt Nachmann nicht nur bereits mit Büchern für so vielsagende Werke wie Liebe durch die Hintertür oder Auch Fummeln will gelernt sein, man mag sich auch fragen, ob bei seiner Drehbuch-Döner-mit-Alles-Kreation nicht dieses Gewürz auch noch hätte beigemengt werden können. Dann hätte es mit einer FSK 12 allerdings wohl nicht mehr geklappt und Harald Reinl wäre wirklich ins Schleudern geraten.

Was der einstige Jurist hier noch aus den Versatzstücken zaubert ist zwar mit den zudem unauffällig agierenden Doug McClure und Harald Leipnitz lange keine Oberklasse, aber immer noch ein besonders für Reinl Fans charmant unterhaltsames Abenteuer. Dabei spielt sicherlich auch eine Rolle, daß Die blutigen Geier von Alaska neben den Karl-May-Produktionen, dem Ost-Winnetou Gojko Mitic und zwischen Wasser für Canitoga, Die Flußpiraten vom Mississippi, Die Goldsucher von Arkansas und Die schwarzen Adler von Santa Fe zu den raren Western oder westernartigen Filmen aus deutscher Feder, also mehr als der üblichen Produktionsbeteilligung, gehört. Insbesondere die betont eingeschobene Gewalt erhöht den Exotenstatus dieses deutschen Films natürlich im Vergleich zur vorherrschenden Welle von Albernheit, Klamauk und Busen.
Nicht letztere Gründe schränken die heutige potentielle Zielgruppe ein, sondern die Frage des Anspruches. Sicherlich ist ein Westerneinsteiger zum nordamerikanischen Goldgräberthema mit Goldfieber in Alaska oder Über den Todespass wesentlich besser beraten. Wer sich mit Harald Reinl beschäftigen möchte, wird sicherlich in den oben erwähnten Klassikern seine Erfüllung finden und erst später zu Die blutigen Geier von Alaska oder anderen Exoten wie dem Däniken Film Erinnerungen an die Zukunft greifen. Man muß schon etwas vorbelastet sein und sich bestenfalls für Regisseur und Genre zugleich begeistern können, sich vielleicht auch einem Werk aus Deutschland öffnen wollen, um über die kleinen Stolpersteine des Films hinweg zu sehen. Dann wird man durchaus gut unterhalten.

Originaltitel: Die blutigen Geier von Alaska
Deutsche Alternativtitel: Deadly Eagle - Blutige Geier vom Shilo River, Die Geier vom Shilo River, Die Höllenhunde von Alaska, Der Tod hat keine Chance
Produktionsland: Deutschland, Jugoslawien
Erstaufführung: 16.10.1973, Deutschland
Regie: Harald Reinl
Darsteller: Doug McClure, Harald Leipnitz, Angelica Ott, Roberto Blanco, Kristina Nel, Klaus Löwitsch, Kurt Bülau, Ivan Stimac, Miha Baloh, Fahro Konjhodzic, Branko Spoljar, Heinz Reincke u.a.

OFDb, IMDb

2 Kommentare:

  1. Veröffentliche doch bitte Deinen Vorschlag der Blogübergreifenden Aktion "ein deutscher Film pro Monat" hier in Deinem Blog. Mir gefällt die Idee nämlich und ich würde mitmachen. Zwei deutsche Filme stehen bei mir in der Pipeline, und entsprechende ungeguckte DVDs stehen bei mir im Regal.
    Dabei müsste man dann noch diskutieren, ob schweizerische und österreichische Filmerzeugnisse unter den Sammelbegriff fallen können/dürfen/sollen.

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  2. Ein deutscher Western mit Miha Baloh und Harald Leipnitz, der Feder von Meisterregisseur Kurt Nachmann entsprungen, und von Harald Reinl verfilmt - das muss ich sehen!!! :-D

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